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0907 - Die blutenden Bäume

0907 - Die blutenden Bäume

Titel: 0907 - Die blutenden Bäume
Autoren: Jason Dark
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ihm das Bleiben vergällt werden?
    Raskin drehte den Kopf. Er starrte die Stämme an, weil er hoffte, daß sie anfangen würden zu bluten, aber sie taten ihm den Gefallen nicht. Noch war die Zeit nicht reif- für sie, die Bäume hielten sich zurück. Nur manchmal bewegten sich ihre Zweige, wenn ein Windstoß durch den Wald fuhr.
    Und dann hörte er den Schrei!
    Raskin zuckte zusammen. Der Schrei hatte seltsam geklungen, klagend und bösartig, als wäre er von einem besonderen Vogel abgegeben worden und nicht von einer Krähe oder einem Raben.
    Der Ruf wiederholte sich.
    Klagend und unheimlich zitterte er durch den leeren Birkenwald. Eine Mahnung und Warnung zugleich. Raskin konnte seine Furcht nicht länger unterdrücken, aber er wollte zugleich sehen, wer ihm da durch den Schrei die Angst eingejagt hatte.
    Er hob endlich den Kopf an.
    Diesmal schrie er auf!
    Vor ihm, auf einem tief hängenden Ast einer Birke, hockte eine große, graue, struppige Eule und starrte ihn aus gelben Mordaugen an…
    ***
    Isidor Drackmann war gar nicht so menschenscheu, wie wir gedacht hatten. Nach einer eingehenden Musterung hatte er uns in sein zweietagiges Holzhaus gebeten, das tatsächlich am Rand des Waldes stand und von einem großen, eingezäunten Freigehege umgeben war, in dem sich zahlreiche Vögel tummelten.
    »Sie meinen es ehrlich«, hatte er zu uns gesagt. »Ich sehe das an Ihren Augen. Kommen Sie bitte ins Haus.«
    Er ging vor uns her und machte nicht den Eindruck, alt und krank zu sein. Sein mächtiger Kopf war von einer grauweißen Löwenmähne umgeben.
    Wir durften uns an einen Tisch setzen, und Drackmann ließ es sich nicht nehmen, seinen Spezialtee für uns zu kochen. »Der wärmt und stärkt«, sagte er, als er mit den drei Bechern an den Tisch trat. »Ich habe die Früchte selbst gepflückt. Er wird Ihnen schmecken.«
    Wir bedankten uns, tranken und waren zufrieden.
    Er schaute uns an. Sein Gesicht war braungebrannt. Die Falten konnte man zählen, so wenige waren es.
    »Sie sind wegen der Birken gekommen.«
    »Ja«, bestätigte Harry.
    Drackmann schlürfte seinen Tee, lehnte sich dann auf dem kantigen Holzstuhl zurück - in dieser Küche war praktisch alles aus Holz - und schaute zur Decke. »Warum wollen Sie zerstören, was den Menschen Heilung bringt?«
    »Tut es das?« fragte Harry.
    »Ja, Herr Stahl, denn ich kenne Leute, die tatsächlich von ihren Krankheiten geheilt wurden. Gicht und Rheuma verschwanden, nachdem sie den Saft auf ihren Körpern verteilt hatten. Diese Menschen werden den Ort der Heilung mit allen Mitteln verteidigen. Noch weiß es nicht die halbe Welt, und ich möchte auch, daß es so bleibt. Schlaue Leute waren genügend hier und haben den Saft untersucht, aber sie mußten passen, wie man mir zutrug. Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel.« Er lächelte und nickte vor sich hin, als würde er es gut finden.
    »Wir stimmen Ihnen zu«, sagte Harry, »wenn es da nicht einige Unregelmäßigkeiten gegeben hätte.«
    »Welcher Art?«
    »Das ist nicht einfach zu erklären, Herr Drackmann. Ich will es mal so versuchen. Anscheinend wirkt das Blut der Bäume nicht bei jedem Menschen gleich.«
    »Das kann sein«, gab der Mann mit ruhiger Stimme zu. »Aber sprechen Sie ruhig weiter.«
    »Sie haben uns vertraut, deshalb werden wir Ihnen ebenfalls vertrauen.«
    Harry berichtete davon, was diesem Horst Grote widerfahren war, und Isidor Drackmann hörte sehr genau zu. Er stellte keine Zwischenfragen, seufzte hin und wieder und hörte auch sehr genau zu, was diesem Fritz Raskin widerfahren war. Als Harry die Karten auf den Tisch gelegt hatte, wartete er auf eine Erklärung.
    Drackmann ließ sich Zeit. Dann sagte er: »Da haben Sie schon ein bestimmtes Thema angesprochen.«
    »Das dachten wir uns.«
    »Es ist so, meine Herren.« Er nahm einen Schluck von seinem Tee.
    »Auch Sie werden das Rätsel der blutenden Birken nicht lösen können, denn die Menschen brauchen nicht allwissend zu sein. Dieser Wald zeigt uns, daß es mehr Dinge gibt, als wir uns vorstellen können. Es gibt ja nicht nur unsere Welt, es gibt auch eine andere, man kann sie nicht sehen, man kann sie nur spüren. Tiere sind da sensibler als wir.«
    »Auch Vögel?« fragte ich dazwischen.
    »Ja, sie ebenfalls.«
    »Was aber noch nicht die blutenden Birken erklärt. Welche Antwort haben Sie?«
    Er lächelte mich beinahe aus. »Muß ich denn eine haben, Herr Sinclair? Können wir Menschen es denn nicht einfach nur hinnehmen? Müssen wir jedes Rätsel

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