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0907 - Die blutenden Bäume

0907 - Die blutenden Bäume

Titel: 0907 - Die blutenden Bäume
Autoren: Jason Dark
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zuckenden Lächeln, denn er wußte, daß sie bereit waren.
    Noch auf dem Rücken liegend winkelte der Mann die Arme an. Er stützte sich dabei auf die Ellbogen. So konnte er seinen Körper in eine sitzende Haltung stemmen.
    Daß er schmutzig war, störte ihn nicht. Die feuchte Erde klebte mit den Blättern und kleinen Holzstücken an seinem Körper. Auch in seinen dunklen Haaren sammelte sich der Schmutz, und sein Gesicht sah aus, als hätte er es sich mit Lehm eingerieben.
    Raskin spie aus. Der aschige Geschmack wollte trotzdem nicht verschwinden. Er blieb in seiner Kehle kleben, aber der Geruch, der ihn umwehte, war ein anderer geworden. Irgendwo unter ihm wurde etwas gekocht. Eine heiße Blutsuppe vielleicht, deren Dämpfe den Weg in die Höhe gefunden hatten und nun aus dem Erdreich traten.
    Raskin wußte, daß dem nicht so war. Der Geruch hatte eine andere Ursache. Es waren einzig und allein die Bäume, die ihn abgaben. Sie atmeten ihn aus, in ihnen bewegte sich etwas, sie waren das große Rätsel. Blutende Birken, Bäume, die Blut weinten. Es war nicht zu fassen, nicht zu begreifen. Es war ein Wunder, und Raskin war nicht der einzige, der darüber Bescheid wußte.
    Aber er war in dieser Nacht allein, und das freute ihn. So konnte er endlich Kraft tanken.
    Mit dem rechten Arm als Stütze kam er wieder in die Höhe. Sein Mund bewegte sich. Er flüsterte die Worte. Der Inhalt war ihm egal. Wichtig waren seine Gier und seine gleichzeitige Gesundung. Er brauchte diese Tankstelle, sie war einfach wichtig für ihn. Sie hatte sein Leiden gelindert. Der Winter war schlimm genug gewesen. Da hatten die Bäume kaum geblutet. Raskin hoffte nur, daß sie nicht eingetrocknet waren. Das wäre dann fatal gewesen.
    Er stand und betrachtete seine Füße. Noch bewegte sich der Boden, aber der Blick klärte sich allmählich. Raskin war bald wieder okay. Er brauchte noch einen Rest Energie, um einen Baum umschlingen zu können wie eine Geliebte.
    Dazu waren die Bäume für ihn tatsächlich geworden. Geliebte, Personen, die ihm die nötige Kraft gaben, um auch weiterhin am Leben zu bleiben.
    Er lachte.
    Es war die reine Vorfreude, die ihn so handeln ließ. Mit tapsigen Bewegungen schritt er auf einen bestimmten Baum zu. Er liebte dieses Gewächs, da er wußte, daß ihm dieser Baum schon mehr als einmal einen bestimmten Kraftschub gegeben hatte.
    Mit offenem Mund atmete er tief ein. Die Luft war kalt, rauh, aber sie schmeckte ihm.
    Wie alle Birken in seiner Nähe, wuchs auch dieser Baum schlank und rank in die Höhe. Selbst im Winter bei Dunkelheit schimmerte sein Stamm hell, als wollte er den einsamen Mann locken.
    Raskins Augen glänzten in einer kaum zu überbietenden Vorfreude. Als er sich seinem Ziel bis auf eine halbe Körperlänge genähert hatte, da vernahm er bereits das Geräusch.
    Der Mann blieb stehen und lauschte, doch er konnte die Laute nicht genau definieren. Es war kein Stöhnen, es war kein Flüstern, es war auch kein Schreien, es war einfach anders, und er liebte diese Geräusche.
    Der nächste Schritt brachte ihn direkt an den Stamm der Birke heran.
    Raskin hatte bereits die Arme ausgebreitet, um ihn zu umfangen. Die Augen fingen an zu strahlen. Hier hatte ein Mann seine Geliebte erreicht.
    Raskin stöhnte noch einmal auf, dann warf er sich gegen den schlanken Birkenstamm, drehte den Kopf und spürte die Rinde an seiner rechten Wange, wo sie schabte, wenn er den Kopf bewegte.
    Es tat ihm gut.
    Es war wunderbar.
    Er zuckte mit den Beinen. Er hatte die Augen verdreht. Er spürte die Wärme aus dem Innern des Stamms, die zugleich von einer gewissen Feuchtigkeit begleitet wurde.
    Der Stamm atmete aus. Der Stamm lebte, und die abgegebene Feuchtigkeit benetzte Raskins Gesichtshälfte. Sie rann aus zahlreichen Wunden des Baumes. Der Baum blutete, und Raskins Zunge huschte aus seinem Mund hervor, wurde so lang wie möglich und glitt mit der Spitze über den Baumstamm hinweg. Der Mann saugte die Flüssigkeit auf. Er schmeckte sie. Sie tropfte in seinen Mund, das Blut der Birke verteilte sich auf seiner Zunge, und Fritz Raskin konnte nicht anders, er mußte die Flüssigkeit trinken.
    Sie schmeckte ihm, sie war der Balsam überhaupt. Sie bewirkte Wunder.
    Sie belebte ihn, sie gab ihm immer wieder einen Push. Jeder Tropfen war mit der Kraft aus dem Innern angereichert.
    Raskin leckte und leckte. Er schlürfte, er schmatzte und trank. Seine Lippen bewegten sich ebenso hektisch wie seine Zunge, die in der Mundhöhle tanzte. Es

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