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0860 - Die Blutbank von Venedig

0860 - Die Blutbank von Venedig

Titel: 0860 - Die Blutbank von Venedig
Autoren: Earl Warren
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Lichterketten säumten die Gondeln. Der Gesang der Gondoliere klang romantisch durch die Kanäle und hallte von den Palazzos und Häusern wider, an die das trübe Wasser plätscherte. Die erleuchteten Fenster schimmerten golden.
    Christoph Zuber, ein junger Schweizer Bankangestellter, hatte mit seiner bildhübschen Frau Marietta zusammen die Hochzeitsreise nach Venedig unternommen. Zuber war schwarzhaarig, groß und schlank. Er trug helle Jeans und ein T-Shirt. Marietta, seine Frau, hatte dunkelblondes Haar und blaue Augen.
    Weil es ein wenig kühl war auf dem Wasser, trug sie eine aus weißen Klöppelspitzen bestehende Mantellina über den Schultern. Diese hatte ihr Mann ihr an diesem Tag auf der Insel Murano, die zu Venedig gehörte, gekauft.
    Jetzt fuhren sie zum Hotel, stilgerecht in der Gondel. Dort wartete ein opulentes Dinner auf sie. Danach wollten sie noch ein wenig bummeln, den Rest der Nacht dann in dem Himmelbett im Prunkhotel einander in den Armen liegen. Sie waren sehr verliebt, der Himmel hing voller Geigen.
    »Es ist wunderschön hier, Christoph«, sagte Marietta, die eher zierlich war, jedoch einen üppigen Busen hatte. »Es war eine prachtvolle Idee von dir, die Hochzeitsreise nach Venedig zu unternehmen. Und du hast das beste Hotel am Platz für uns ausgesucht.«
    »Wir heiraten nur einmal«, erwiderte der 25-Jährige. »Ich will überhaupt nur einmal im Leben heiraten. Ich werde dich immer lieben.«
    »Ich dich auch, Christoph.«
    Sie küssten sich, die Umgebung versank für sie. Es fiel ihnen nicht auf, dass ihr Gondoliere, ein breitschultriger Mann mit zusammengewachsenen Augenbrauen, aufgehört hatte zu singen. Andere Gondoliere sangen.
    Der Gondoliere, der das frisch gebackene Ehepaar ruderte, trug eine bestickte Jacke. Er ruderte schneller. Und bog, bevor er das First-Class-Hotel erreichte, in dem Christoph und Marietta logierten, zur Seite ab.
    Er fuhr in den Schatten, und es sah aus, als ob er mit der Gondel die Kaimauer rammen wollte. Doch sie öffnete sich, oder vielmehr die Gondel fuhr hindurch, als ob sie nicht vorhanden sei.
    Christoph und Marietta bemerkten es nicht, sie hatten nur Augen und Ohren füreinander. Die Gondel befand sich in einem Seitenkanal, der sich zwar in Venedig befand, aber doch wieder nicht. Man sah und hörte die Geräusche der Stadt wie durch Watte oder wie von Weitem.
    Eine seltsame, unwirkliche Atmosphäre herrschte. Der Dunst über dem Wasser war rötlich. Er waberte, bewegte sich. Die Mauern zu beiden Seiten waren alt und halb zerfallen und strömten Modergeruch aus.
    Marietta Zuber, wie sie nun hieß, war 23. Sie arbeitete als Controllerin im Rechenzentrum eines internationalen Nahrungsmittelkonzerns. Sie war eine moderne, aufgeschlossene junge Frau und passte daher gut zu Christoph. Beide verdienten gut, hatten eine gute Ausbildung, alle Aussichten auf eine gute Karriere, waren gesund - das Leben bot sich ihnen angenehm und Erfolg versprechend dar.
    Oder es hatte es bis zu diesem Tag getan. Denn das Grauen griff nun nach ihnen. Mit in der Düsterkeit des Kanals rot glühenden Augen schaute der Gondoliere sie an. Als er den Mund öffnete, sah man spitze Eckzähne.
    Er grinste diabolisch. Wartet , dachte er, als er das sich kosende Paar sah. Das wird euch bald vergehen. Da, wo ihr hingeht, gibt es keine Liebe und Zärtlichkeit mehr: Die Hölle erwartet euch , der Palazzo des Grauens - die Blutbank.
    ***
    Professor Zamorra saß mit seiner Lebensgefährtin und Partnerin Nicole Duval in einem Straßencafé am Rand des Markusplatzes. Der hochgewachsene Parapsychologe trank von seinem Espresso. Er schaute Nicole an, die in ihrem knappen Sommerkleid eine Augenweide war.
    Die Sonnenbrille hatte sie auf das modisch frisierte schwarze Haar hochgeschoben. Nicole wirkte entspannt. Sie genoss die Tage in Venedig, wo sie vorgestern angekommen waren.
    »Ach, es ist herrlich, von Geistern und Dämonen mal nichts sehen und hören zu müssen«, sagte sie zu Zamorra. Sie beugte sich herüber und küsste ihn auf die Wange. »Das war eine prima Idee, sozusagen mal eine Auszeit von unserer Arbeit zu nehmen und nach Venedig zu fliegen.«
    Sie kicherte.
    »Eine richtig altmodische Art der Reise.«
    Damit spielte sie auf den Transport durch die Regenblumen an, mittels deren man sich von einem Ort an den anderen und sogar in andere Zeiten und Dimensionen versetzen konnte. Zeitlos natürlich.
    Nur gab es solche Blumen in Venedig und Umgebung nicht.
    »Es ist, als ob wir ein ganz

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