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0853 - Tanz der Skelette

0853 - Tanz der Skelette

Titel: 0853 - Tanz der Skelette
Autoren: W.K. Giesa
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Lausche
    und folge der Flöte
    gekleidet in Schatten und Nacht
    und geschmückt mit Sternen
    Candy Kay, Oktober 2005
    ***
    Die Skelette folgten dem lautlosen Klang, und da war niemand, der sie hätte aufhalten können. Sie durchschritten die Landschaft in tiefer Dunkelheit, die lichtloser war als die finsterste Nacht.
    Doch da war ein Licht; da waren viele kleine Lichter. Sie umgaben ein Wesen, das ihnen vorausging, und das eine Flöte spielte. Der Klang schlug sie alle in seinen Bann, wies ihnen den Weg. Sie verstanden , was die Melodie der Flöte ihnen verriet. Sie wussten, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen hatten, doch was diese Aufgabe von ihnen verlangte, verriet die Melodie ihnen noch nicht.
    Was ihnen das lautlose Lied verriet, wurde in ihren Gehirnen umgesetzt, sodass sie es verstehen konnten. In Gehirnen, die eigentlich gar nicht mehr existierten. Die längst verfault waren, zerfallen und verwest. Dennoch funktionierten sie.
    Und so gingen sie und folgten dem Flötenklang, den nur sie wahrnehmen konnten. Sie, die Armee der Skelette.
    ***
    Es war früher Morgen, als Juan Pereira den Friedhof betrat. Um diese Zeit war die Temperatur noch erträglich. Obgleich hier geboren und aufgewachsen, mochte Pereira die Sommerhitze nicht. Er verstand nicht, warum so viele Touristen hierherkamen - und sich dann doch nur an den Strand legten und sich in regelmäßigen Abständen im Wasser abkühlten und erfrischten. Oder, wenn sie sich Hotels der gehobenen Preisklasse leisten konnten, im Hotelpool.
    Pereira beneidete sie nur ihres Geldes wegen. Was für ihn ein Monatslohn war, gaben diese Leute an einem Tag für ein Hotelzimmer aus. Dabei arbeiteten sie bei weitem nicht so viel und schon gar nicht so schwer wie Juan Pereira.
    Er trug einen Blumenstrauß mit sich, den er auf dem Grab seiner Eltern niederlegen wollte. Es war jetzt genau fünf Jahre her, dass man sie ermordet hatte. Einfach erschossen, nur weil sie Zeugen eines Überfalls geworden waren. Und die Polizei hatte die Mörder bis heute nicht gefasst. Manchmal glaubte Juan, dass überhaupt niemand außer ihm selbst daran interessiert war. Vielleicht reichte der lange Arm des Syndikats selbst in die kleinen Poll zeiwachen.
    Auch Polizisten verdienten nur we nig Geld, und so mancher hielt schon einmal die Hand auf, um dann eine kleine oder größere Gegenleistung zu erbringen, je nachdem, wie viel sich in seiner Hand wiederfand.
    Jeder wusste das. Und niemand tat etwas dagegen. Wenn es jemand auch nur versuchte, zog er sich eine Menge Ärger zu.
    Juan war erst ein paar Meter weit gegangen, als er jäh inne hielt. Überrascht sah er sich um.
    Der Totenacker war verwüstet worden!
    Und wie!
    Die Gräber sahen aus wie umgepflügt. Platten lagen neben den Öffnungen. Alles sah so aus, als habe jemand die Toten aus dem Boden geholt.
    Alle Toten! Aus allen Gräbern!
    Auch das Grab seiner Eltern war betroffen, auch hier hatte jemand gewütet.
    »Nein«, flüsterte Pereira entsetzt. »Nein, was ist hier geschehen? Wer hat das getan? Vater, Mutter, was ist mit euch passiert? Mit euch und all den anderen?«
    Er erhielt keine Antwort. Natürlich nicht. Wer sollte ihm denn antworten? Die Toten, die vermutlich nicht mehr in ihren Gräbern lagen?
    Vor dem Eiterngrab ging Juan in die Knie, kauerte sich hin. Er legte die Blumen auf die zerwühlte Erde. Dann betete er.
    Irgendwann erhob er sich wieder. Er verließ den Friedhof und ging zum Haus des Pfarrers. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah er Kolongo, einen breitschultrigen, hochgewachsenen Mann mit Kraushaar, dem man nachsagte, er sei ein mächtiger Voodoo-Priester. Er war mit einem halb gefüllten Einkaufskorb unterwegs.
    Juan dachte sich nichts dabei. Voodoo-Priester waren keine Grabschänder. Selbst wenn sie einen Zombie aus dem Grab riefen, sah hinterher alles wieder aufgeräumt und gepflegt aus.
    Juan Pereira hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür des Pfarrhauses.
    Er glaubte, in einem Albtraum gefangen zu sein. Die Dunkelheit wollte seine Seele fressen.
    ***
    Vater Esteban Coronor war ein alter Mann. Er wusste, dass Gott ihn schon bald zu sich rufen würde, und wenn er daran dachte, lächelte er zufrieden. Als Pfarrer seiner Gemeinde hatte er ein erfülltes Leben hinter sich, hatte vielen helfen können, sei es mit Zuspruch und der Kraft des Herrn, die er ihnen gab, oder durch ein paar Reales.
    Seine Schäfchen liebten ihn, denn er war ihnen ein guter Hirte. Er kannte sie alle mit Namen. Gott, der Herr, hatte

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