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0841 - Der gläserne Tod

0841 - Der gläserne Tod

Titel: 0841 - Der gläserne Tod
Autoren: Christian Montillon
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Shira war müde. Es fiel ihr unendlich schwer, eine Pranke vor die andere zu setzen.
    Der Wüstensand glühte. Sie fühlte die mörderische Hitze sogar durch die dicke Hornschicht unter ihren Pranken. Ein leichter Wind wirbelte den Sand auf. Shira blinzelte doppelt so häufig wie üblich. Dennoch drangen Dutzende der winzigen Körnchen in ihre Augen und rieben schmerzhaft.
    Die Sonne strahlte seit viel zu vielen Stunden auf ihren ungeschützten Rücken. Shira befürchtete einen dauerhaften Schaden ihrer Schuppenhaut. Waren die obersten Schichten erst einmal völlig ausgetrocknet, gelang es den Heilern selten, sie wieder mit Leben und Feuchtigkeit zu füllen.
    In einem solchen Fall blieb nur eins, und das war schrecklich. Ein ebenso schmerzhafter wie demütigender Vorgang. Wer sich durch Häutung auch der tiefer liegenden Hautschichten entledigte, war dem Spott aller anderen in der Kolonie ausgeliefert.
    Kurz - der Weg war eine einzige Tortur.
    Doch er war notwendig! Eine entsetzliche Gefahr suchte Shiras Kolonie heim. Viele ihrer Schwestern waren gestorben. Es hatte vor mehr als zehn Sonnenumläufen begonnen, als Eleni tot aufgefunden worden war, mit versteiftem und verkrampftem Körper. Als ein Priester ihren toten Leib in die rituelle Beerdigungsstellung hatte bringen wollen, waren ihre Gliedmaßen zerbrochen wie Glas.
    »Schrecklich, schrecklich«, murmelte Shira immer wieder, als sie sich daran erinnerte. »Schrecklich, schrecklich.« Für jede Tote sprach sie die Worte, insgesamt fünfzehn Mal. Und da Shira schon zwei Sonnenumläufe lang unterwegs war, fragte sie sich, ob es inzwischen weitere Tote zu beklagen gab. So wie an jedem Morgen, seit es wieder begonnen hatte.
    Shira schleppte sich weiter durch die Todeswüste. Als sie aufgebrochen war, hatten alle sie für wahnsinnig erklärt. Niemand hat die Wüste seit dreimal drei Generationen zu durchqueren versucht!, hatte sie sich anhören müssen. Und seit viermal vier Generationen ist niemand von einem solchen Wagnis zurückgekehrt!
    Doch die Warnungen und Ängste der anderen waren für Shira unbedeutend. Sie wusste, dass die Gemeinschaft der Staublinge Hilfe benötigte! Hilfe, die nur einer bringen konnte. Der, der sie schon einmal gerettet hatte, und der versprochen hatte, wiederzukommen, wenn er um Hilfe gebeten wurde.
    Die anderen glaubten nicht an ihn. Sie nannten die Überlieferungen abfällig »alte Geschichten«. Sie sind von unseren abergläubischen Vorfahren geschrieben. Es gibt ihn nicht, den Helden, den du suchst. Er war niemals hier und er wird niemals wiederkommen! Wir müssen selbst einen Weg finden, uns zu helfen, aus eigener Kraft!
    Shira drehte mühsam den Kopf und sah aus den Augenwinkeln nach oben. Die Sonne stand nach wie vor áls glühender Ball am violett überzogenen Himmel, aber sie sank bereits. Bald würde die Hitze abnehmen. Endlich. Die Schuppen rieben rau auf Shiras Rücken, ihr ganzer Leib lechzte nach Wasser.
    Sie konnte nur noch weitergehen, weil sie glaubte. Sonst wäre sie schon längst zusammengebrochen und als verdorrte Hülle im heißen Wüstensand liegen geblieben. Shira war der festen Überzeugung, dass sie Hilfe finden würde, dass der große Held der Vorzeit keine Erfindung war. Ja, sie wusste, dass er den Staublingen Hilfe bringen würde, wenn er nur von ihrer Not erfuhr.
    Und deswegen musste sie weitergehen! Sie musste die heiße Quelle erreichen, das Tor zur Welt des Helden!
    Jetzt flüsterte sie seinen Namen, wie er in den alten Schriften überliefert war.
    »Professorzamorra… Professor-zamorra…«
    ***
    Es kam Shira wie eine Ewigkeit vor, bis die brütende Temperatur absank.
    Und wie sie nachließ! Binnen weniger Augenblicke kühlte es ab, so rasch, dass Shiras Körper Schwierigkeiten hatte, sich anzupassen. Ihre Muskulatur verkrampfte sich unter dem in ihr tobenden Temperaturwechsel. Die Beine verloren alle Kraft. Sie sank ermattet in den Sand, dessen gespeicherte Tageshitze jetzt angenehm war.
    Shira erlebte diesen Übergang zwischen den extremen Temperaturen des Tages und der Nacht nun zum dritten Mal in Folge, doch es traf sie genauso hart wie die beiden Male vorher. Die Körper der Staublinge waren nicht geschaffen, damit zurechtzukommen. Sie lebten am Rande der-Todeswüste, in großen Höhlen, wo das Wasser von wachsenden Steinen an der Decke tropfte…
    Shira erwischte sich dabei, wie sie voller Sehnsucht an die Geborgenheit der Heimat dachte. Doch sie durfte nicht zurückschauen, nicht einmal in

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