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0815 - Die Höllenbestie

0815 - Die Höllenbestie

Titel: 0815 - Die Höllenbestie
Autoren: Jason Dark
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Vor den Büschen blieb sie stehen. Sie kniete sich hin und schaute zurück.
    Kein Mensch war zu sehen. Der Hang lag einsam. Er endete dort, wo die Wellen auf breiter Front gegen ihn anliefen.
    Der nächste Ort lag hinter dem Hügel, einige Meilen entfernt. Für die Frau und den Jungen war er bereits eine andere Welt.
    Wieder das eklige Schmatzen, das an ihre Ohren drang. Etwas wischte auf sie zu. Beinahe hätte der Gegenstand ihren Kopf getroffen. Die Frau hatte sich im letzten Augenblick geduckt, so segelte er hinter ihr weg und prallte gegen einen Stein.
    Sie schaute sich um.
    Es war ein Knochen.
    Abermals grinste die Frau. Sie rieb ihre feuchten Handflächen gegeneinander. So hatte sie es sich vorgestellt, und sie wusste auch, dass ihre teuflische Erziehung Früchte getragen hatte.
    Fünfzehn Jahre.
    Sehr lang, aber die Zeit würde noch länger werden, viel länger.
    Die Frau raffte sich endlich dazu auf, einige Zweige zur Seite zu biegen, um in die Höhle schauen zu können.
    Dort hockte Jory auf einer alten Matte. Neben ihm stand eine Kerze, die ihm ihr spärliches Licht spendete. Jory war wie ein junger Vogel, der sehr schnell gelernt hatte, dass er sich das Fressen selbst holen musste.
    Er hatte dafür gesorgt.
    Zwischen seinen Händen hielt er einen Hasen. Blut beschmierte sein Gesicht, Blut war an seinen Fingern entlanggelaufen und hatte sich auf seinen Unterarmen als rote Striche verteilt. Blut war auch auf seine Kleidung getropft, das alles gehörte dazu, denn er war es nicht gewohnt, seine Mahlzeiten gebraten oder gekocht einzunehmen. Er aß sie roh, nein, er fraß sie schon.
    Er hatte den Hasen gefangen, ihm blitzschnell das Genick gebrochen, das Fell abgezogen und seine kantigen Zähne in das dampfende Fleisch geschlagen.
    Es ging ihm gut, sehr gut. Während er schon einige Knochen abgenagt hatte, riss er immer noch Fleisch aus dem Körper, kaute es kaum, sondern schluckte es in großen Brocken. Seine Augen leuchteten dabei, durch nichts ließ er sich stören, und er schaute auch nicht auf, als die Frau sich durch den dünnen Gestrüppgürtel schob, sich noch tiefer duckte und anschließend die Höhle betrat.
    Jory bewegte seine Augen und schaute die Person über seine blutigen Hände hinweg an.
    Die Frau nickte. »Schmeckt es dir?«
    »Ja, Mutter.«
    Sie ließ sich ihm gegenüber nieder, lächelte ihn an und erklärte, wie sehr es sie freute. »Das Blut wird dir die nötige Kraft geben, mein Sohn. Du wirst etwas ganz Besonderes werden, das kann ich dir versprechen.«
    Jory ließ die Hände sinken. Er suchte nach Worten. In seinem eckigen Gesicht zuckten die Muskeln. Er war erst fünfzehn, aber er sah schon sehr erwachsen aus. »Hast du mir nicht versprochen, dass wir bald das Land verlassen werden?«
    »Ja.«
    »Wann?«
    »Es dauert nicht mehr lange. Du solltest richtig vorbereitet werden. Dann kehren wir zurück.«
    »Und was ist danach?«
    »Wird die Welt über dich reden.«
    Jory begriff es nicht. Er war nicht sehr intelligent, dafür unwahrscheinlich brutal. Rücksicht und Gnade kannte er nicht. Er löschte Leben aus wie andere Menschen Kerzenflammen. Er legte seinen Kopf schräg, leckte einenblutigen Knochen ab und schaute dabei seine Mutter an. »Können wir nicht sofort fahren?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    In den Augen der Frau leuchtete es auf. »Habe ich dir nicht versprochen, dich an einen bestimmten Ort zu führen und dir etwas zu zeigen, mein Söhnchen?«
    Erst überlegte Jory, danach nickte er zögernd. Durch den dabei entstehenden Lufthauch bewegte sich die Flamme und malte sein Gesicht mit tanzenden Schatten ab. »Es ist einer, der so aussieht wie ich.«
    »Stimmt, dein Bruder.«
    »Jake…?«
    »Wie schön, dass du den Namen behalten hast. Du sollst ihn sehen, Jory, du sollst ihn dir genau merken, denn irgendwann werdet ihr aufeinander treffen, und dann wirst du ihn töten.«
    »Ja, Mutter. Aber ich sah ihn doch schon. In dem Lokal, wo er aß – damals.«
    »Das ist lange her. Ihr habt euch beide verändert.«
    »Sieht er so aus wie ich?«
    »Das denke ich schon.«
    Jory senkte den Blick. Was er in der Hand hielt, lohnte sich kaum, abzuknabbern. Zwei Hinterläufe des Hasen, an denen auch noch Fellreste hingen. Wie ein Steinzeitmensch schleuderte er sie aus der Höhle, falls die Steinzeitmenschen so etwas überhaupt getan hatten.
    Dann schabte er seine blutbefleckten Handflächen über die Matte, um sie notdürftig zu säubern.
    »Willst du was trinken, Jory?«
    »Nein, das habe ich

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