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Titel: 08
Autoren: Man stirbt nur zweimal
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sein Entsetzen, als seine Frau zum Vormund ihres kleinen Halbbruders bestimmt wurde.
    Er war, wie jeder Mann, eifersüchtig auf jeden, der ihm die Aufmerksamkeit seiner Frau streitig machte (was teils süß, teils aber auch lästig war).
    Außerdem war es meine Schuld, dass mein Vater und meine Stiefmutter tot waren. Um es kurz zu machen: Es ging um einen Verlobungsring, der mit einem Fluch belegt war, Wünsche, die gewährt wurden, und den hohen Preis, den man immer dafür zu zahlen hat. Und als ich den Ring an den Finger zog, wurde mein Vater getötet. Wie auch meine Stiefmutter.
    Ich hatte mir nämlich ein eigenes Baby gewünscht, und mein Wunsch wurde mir auf furchtbare Art erfüllt: Wer bekam wohl das Sorgerecht, als Baby Jons Eltern tot waren? Bingo. So kam ich von heute auf morgen zu einem Baby, ohne Schwangerschaftsstreifen, aber mit schweren Schuldgefühlen.
    Da ich Baby Jon unbeabsichtigt zu einem Waisen gemacht hatte, war es das Mindeste, ihn zu mir zu nehmen. Er war meine einzige Chance, jemals Mutter zu sein. Tote Menschen können sich selbstverständlich nicht fortpflanzen.
    Er wand sich in meinen Armen. Ich lächelte ihn an. Tief-schwarze Haare und kristallblaue Augen und rund genau dort,
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    wo Babys rund zu sein hatten. (Genieße es, solange die Gesellschaft dein Körperfett noch akzeptiert, kleiner Bruder.) Er hatte schon vier Zähne, und von seiner Unterlippe tropfte reichlich Sabber.
    „Warum setzt du ihn nicht in seinen Sitz?", fragte mein Mann und schüttelte das Wall Street Journal aus, als wäre es ein Strandlaken.
    „Weil wir noch nicht sofort abfliegen."
    „Noch nicht!", rief Jessica aus dem Cockpit. Sie nahm die Kopfhörer ab - sie meinte wohl, damit würde sie cool aussehen, aber ich wusste, sie hörte nur das neueste Album von Shakira -und kam zu uns. Sie ließ sich in den Sitz hinter uns plumpsen und rollte sich, klein, wie sie war, zusammen wie eine Katze.
    „Also ziehen wir die Sache echt durch?"
    Sinclair sah sich um, als prüfe er seine Umgebung, das Cockpit, den Piloten, seine Zeitung, meine Magazine. „Es scheint so."

    „Weil - nur fürs Protokoll - ich finde, ihr seid wahnsinnig. Was dem armen Mädchen passiert ist, war nicht eure Schuld."
    „Natürlich", sagte ich, entsetzt darüber, wie bitter ich mich anhörte. Als würde ich tief im Inneren an einer Zitrone saugen. „Der Nachbarshund war schuld."
    „Doch nicht Muggles?", keuchte Jessica erschrocken auf, und trotz allem musste ich kichern. Sie schaffte es immer wieder. Ich war schrecklich froh, dass sie nicht gestorben war.
    „Selbst wenn Elizabeth sich nicht verantwortlich fühlen würde, wäre es ein Zeichen von Respekt, die Leiche nach Hause zu begleiten."
    Und dabei mal einen genauen Blick auf potenzielle Feinde zu werfen, was? Aber ich behielt meine Gedanken für mich; das hatte mein Mann mir im Vertrauen in den vier Wänden unseres Schlafzimmers erzählt, und es ging Jessica nichts an.
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    Obgleich sie es wahrscheinlich bereits wusste. Diese Gelegenheit (einen mächtigen Gegner auf neutralem Territorium zu treffen) würde sich Sinclair ebenso wenig entgehen lassen, wie er ohne Hose aus dem Haus gehen würde.
    „Aber ich möchte noch einmal hinzufügen .. "
    „Oh, jetzt fängt das wieder an."
    „Ich finde, du solltest uns nicht begleiten, Jessica. Es könnte gefährlich werden."
    Jessica wedelte mit den spindeldürren Ärmchen. Mit diesen Dingern würde sie noch einmal jemandem ein Auge ausstechen. „Was ist denn nicht gefährlich, seitdem Betsy von den Toten wiederauferstanden ist? Ich kann ja noch nicht einmal in die Mal of America gehen, ohne dort auf ein Scharfschützenteam zu treffen."
    „Du übertreibst."
    „Ja, aber nicht sehr."
    Sinclair zuckte die Achseln. „Wie du willst." Er wusste, dass das Flugzeug Jessica gehörte. Und dass sie darauf bestehen würde, mit uns zu kommen, selbst wenn es seines wäre.
    Ich weiß, es hört sich furchtbar an, aber manchmal bereute ich es fast, dass ich ihren Krebs geheilt hatte. Jetzt war sie wie besessen davon, das Leben zu genießen und nichts zu verpassen, und war noch schwerer abzuschütteln als gewöhnlich.
    Ich hatte sie nur durch einen Zufall geheilt, und das war wunderbar, keine Frage. Aber durch diesen Zufall spürte sie keine Furcht mehr, und das war weniger wunderbar. Der Tag würde kommen - nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit -, an dem ich nicht in der Nähe sein würde, um ihren winzigen Hintern zu retten.
    „Weißt du, Sinclair hat nicht

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