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08-Die Abschussliste

08-Die Abschussliste

Titel: 08-Die Abschussliste
Autoren: Lee Child
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    So schlimm wie ein Herzanfall, vielleicht war das Ken Kramers letzter Gedanke - wie eine abschließende Panikexplosion in seinem Gehirn, als er zu atmen aufhörte und im Abgrund versank. Er verhielt sich auf jede nur denkbare Weise falsch, das wusste er. Er war an einem Ort, an dem er nicht hätte sein sollen, war mit jemandem zusammen, mit dem er nicht hätte zusammen sein dürfen, und hatte etwas bei sich, das er an einem sichereren Platz hätte aufbewahren müssen. Aber er kam damit durch. Er spielte und gewann. Er hatte das Spiel im Griff. Vermutlich lächelte er. Bis das plötzliche dumpfe Hämmern tief in seiner Brust ihn austrickste. Damit war alles auf den Kopf gestellt. Sein Erfolg verwandelte sich augenblicklich in eine Katastrophe. Er hatte keine Zeit mehr, irgendwas in Ordnung zu bringen.
    Niemand weiß, was man bei einem tödlichen Herzanfall empfindet. Es gibt keine Überlebenden, die ihn uns schildern könnten. Ärzte sprechen von Nekrose und Blutpfropfen, von Sauerstoffmangel und blockierten Arterien. Sie sagen schnelles Kammerflimmern oder aber überhaupt nichts voraus. Sie benutzen Fachausdrücke wie Infarktbildung und Fibrillation , aber diese Begriffe bedeuten uns nichts. Man fällt einfach tot um, sollten sie sagen. Genau das tat Ken Kramer jedenfalls. Er fiel einfach tot um, und er nahm seine Geheimnisse mit sich, und die Probleme, die er hinterließ, hätten auch mich beinahe das Leben gekostet.
     
    Ich war in einem Dienstzimmer allein, das nicht mir gehörte. An der Wand hing eine Uhr. Sie hatte keinen Sekundenzeiger, bloß einen Stunden- und einen Minutenzeiger. Sie lief elektrisch. Sie tickte nicht. Sie war ebenso still wie der ganze Raum.
Ich beobachtete gespannt den Minutenzeiger. Er bewegte sich nicht.
    Ich wartete.
    Er bewegte sich. Er sprang sechs Striche weiter. Seine Bewegung war mechanisch, gedämpft und präzise. Er machte diesen einen Sprung, zitterte leicht und kam zum Stehen.
    Eine Minute.
    Eine vorbei, bleibt noch eine.
    Noch sechzig Sekunden.
    Ich starrte weiter die Uhr an. Die Zeiger blieben lange, lange unbeweglich. Dann sprang der Minutenzeiger nochmals. Wieder sechs Striche, eine weitere Minute, senkrecht nach oben zu Mitternacht, und aus 1989 war 1990 geworden.
    Ich schob meinen Stuhl zurück, stand vom Schreibtisch auf. Das Telefon klingelte. Ich vermutete, jemand rufe an, um mir ein gutes neues Jahr zu wünschen. Aber das stimmte nicht. Am Telefon meldete sich ein ziviler Polizeibeamter, der mich wissen ließ, dass in einem Motel dreißig Meilen vom Stützpunkt entfernt ein toter Soldat lag.
    »Ich brauche den Offizier vom Dienst der Militärpolizei«, sagte er.
    Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch.
    »Am Apparat«, sagte ich.
    »Wir haben einen von Ihren - tot.«
    »Einen von meinen?«
    »Einen Soldaten«, antwortete er.
    »Wo?«
    »Motel in der Stadt.«
    »Wodurch tot?«, fragte ich.
    »Herzanfall, schätze ich«, sagte der Mann.
    Ich schwieg einen Moment, blätterte den dienstlich gelieferten Kalender auf dem Schreibtisch vom 31. Dezember auf den 1. Januar um.
    »Nichts Verdächtiges?«, erkundigte ich mich.
    »Ich sehe nichts.«

    »Haben Sie schon Herztote gesehen?«
    »Jede Menge.«
    »Okay«, sagte ich. »Rufen Sie die Standortkommandantur an.«
    Ich gab ihm die Nummer.
    »Gutes neues Jahr«, sagte ich.
    »Sie brauchen nicht rauszukommen?«, fragte er.
    »Nein«, erwiderte ich und legte auf. Ich brauchte nicht hinauszufahren. Die U.S. Army ist eine große Einrichtung, etwas größer als Detroit, etwas kleiner als Dallas und ebenso unsentimental wie diese beiden Städte. Ihre gegenwärtige Iststärke beträgt neunhundertdreißigtausend Männer und Frauen, die für den Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung weitgehend repräsentativ sind. In den USA beträgt die Sterblichkeit je hunderttausend Einwohner etwa achthundertfünfundsechzig Personen pro Jahr, und in Friedenszeiten sterben Soldaten nicht häufiger oder seltener als gewöhnliche Bürger. Insgesamt sind sie jünger und in besserer körperlicher Verfassung als der Durchschnitt der Bevölkerung, aber sie rauchen und trinken mehr, essen ungesünder, haben mehr Stress und tun in der Ausbildung alle möglichen gefährlichen Dinge. Deshalb entspricht ihre Lebenserwartung ungefähr dem Durchschnitt. Sie sterben ebenso häufig wie andere Leute. Rechnet man die Sterblichkeit mit der gegenwärtigen Iststärke hoch, kommt man für jeden einzelnen Tag des Jahres auf zweiundzwanzig tote Soldaten:

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