Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
0785 - Der Kinderschreck

0785 - Der Kinderschreck

Titel: 0785 - Der Kinderschreck
Autoren: Jason Dark
Ads
lebten.
    Aber die Menschen würden sich noch wundern, das stand für beide fest. Sie würden die Quittung bekommen.
    Die Treppe war eng, die Stufen zu schmal. Oleg fürchtete jedesmal, ins Stolpern zu geraten. Er hatte keine Hand frei, um sich am Geländer festzuhalten, deshalb ging er noch vorsichtiger als sonst.
    Der Kerzenschein umflackerte ihn. Er tanzte wie ein Gespenst und begleitete ihn auf den Weg nach unten.
    Dort stand Olinka.
    Sie hatte schon auf ihn gewartet, und ihr knochiges Gesicht mit der spitzen Nase, der dünnen Haut, den ebenso dünnen Lippen und den funkelnden Augen war zu einem hässlichen Grinsen verzogen.
    Wie so oft hatte sie sich ein schwarzes Tuch über den Kopf gestreift.
    Selbst im Licht der Kerze wirkte ihre Haut grünlich.
    »Hast dir ja Zeit gelassen.«
    »Warum auch nicht? Die Beute läuft uns schon nicht weg, denke ich, oder?«
    »Ich glaube nicht, denn es klingelte.«
    Oleg ließ die letzte Stufe hinter sich. Er stand jetzt vor ihr und musste zu Olinka hochschauen, weil sie größer war als er. »Was ist, wenn sich wieder nur eine Ratte darin verfangen hat?«
    Die Alte kicherte. »Ich liebe Ratten.«
    »Ja, das weiß ich.«
    »Sie sind da!«
    »Wieso?« Hätte es geklappt, Oleg wäre einen Schritt zurückgetreten, doch da befand sich die Stufe, und die hielt ihn auf.
    »Ich habe sie beschworen.« Olinka rieb ihre Hände und freute sich diebisch.
    Im Gegensatz zu Oleg. »Scheiße, habe ich dir nicht gesagt, dass du es lassen sollst?«
    Olinka wollte sich schon wegdrehen, das tat sie nicht, sondern streckte ihren Zeigefinger aus und tippte Oleg gegen die Brust. »Hör auf damit, mir Vorschriften machen zu wollen. Du weißt, dass sie mir gehorchen, sie sind meine Freunde.«
    »Leider.«
    »Komm jetzt mit.«
    Das Treppenhaus war als solches kaum zu bezeichnen. Der Flur war sehr eng, ein normaler Mensch konnte sich kaum drehen. Elektrisches Licht gab es sowieso nicht, und eigentlich hätte die alte Köhlerbude schon längst abgerissen werden sollen, doch davon hatte man abgesehen, und so hatten Oleg und Olinka das Haus für sich in Anspruch genommen. Die Tür war nicht geschlossen. Ein kalter Wind wehte in den Flur. Es roch nach Schnee, dabei hatte es schon ziemlich viel geschneit.
    Zumindest lockte es Gäste an.
    Menschen, die über Weihnachten in den mittleren Lagen und in der Einsamkeit feiern wollten. Das war nicht schlecht, darauf freute sich Olinka. Noch waren es Tiere, die in ihre Falle gingen, aber bald – ja, bald würden es Menschen sein.
    Wie im Märchen dachte die Alte, bevor sie die Tür so weit aufzerrte, dass sie ins Freie schlüpfen konnte.
    Dort begrüßte sie der kalte Winterwind. Sie fluchte, senkte den Kopf und drehte ihn zur Seite, denn irgendwoher hatte der Wind Schneekristalle hochgewirbelt und schaufelte sie heran.
    Sie hasste ihn.
    Oleg blieb seiner Frau auf den Fersen. Die Kerze hatte er nicht mitgenommen, sie hätte bei den Verhältnissen kaum länger als eine Sekunde gebrannt. Er folgte der Alten, zog den Kopf ein, fluchte und zerrte seine Mütze noch tiefer.
    Sie war schon vorgegangen. Da Schnee lag, war die Nacht nicht zu finster. Die weiße Schicht reflektierte, der Wald stand so starr wie ein Gemälde, und die kahlen Bäume ragten gespenstisch aus der weißen Pappe in die Höhe.
    Ein Geisterwald, aber die beiden empfanden ihn nicht so. Mochten ihn die Urlauber als solchen ansehen, ihnen war es egal. Die Häuser standen nicht weit weg. Luftlinie waren es nicht mehr als zwei Kilometer. Nur eben der Wald trennte sie von dem Haus des ungewöhnlichen Paares.
    Olinka ging um die Bude herum. Sie passierte auch den Holzklotz, auf dem kein Schnee lag. Dafür schimmerten die dunklen, längst eingetrockneten Blutflecke. Ein Andenken daran, dass hier nicht immer alles sehr friedlich zugegangen war.
    Oleg hörte seine Frau reden. Sie sprach nicht mit ihm, eigentlich auch nicht mit sich selbst, sondern mehr mit den Geistern, die ihrer Meinung nach alles erfüllten und umhüllten. Oft genug saß sie da, um sie zu beschwören, das hatte sie bestimmt auch in dieser Nacht getan, und Oleg bekam es bestätigt.
    »Ich habe wieder den Rattenzauber angewendet«, rief sie über die Schulter zurück. »Sie werden kommen, ich bin sicher. Ich habe sie geholt, sie gehorchen mir.«
    Oleg gab keine Antwort. Zwei Sekunden später fluchte er. Sein Fuß hatte eine kleine Eisfläche berührt. Er war abgerutscht und nach hinten gefallen. Mit der Schulter war er gegen die Hauswand

Weitere Kostenlose Bücher

Die Frau des Seiltaenzers
Die Frau des Seiltaenzers von Philipp Vandenberg
Kanaken-Gandhi
Kanaken-Gandhi von Osman Engin
Maienfrost
Maienfrost von Maren Schwarz
Auf dem spanischen Jakobsweg
Auf dem spanischen Jakobsweg von Wolfgang Dannhäuser