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0784 - Der Seelenangler

0784 - Der Seelenangler

Titel: 0784 - Der Seelenangler
Autoren: Earl Warren
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Die rundliche kleine Nonne erinnerte sich nur noch undeutlich an ihren richtigen Namen. Seit vielen Jahren schon wurde sie Schwester Lioba genannt. Sie gehörte zu den Ursulinen-Ordensschwestern, die den greisen, schwer kranken Papst zu pflegen hatten, der unerschütterlich an seinem Amt festhielt.
    Erst mit dem Tod konnte er abtreten, so erforderten es das Kirchenrecht und die Regeln. Es war Frühsommer und schon heiß in der Ewigen Stadt am Tiber mit dem-Trevi-Brunnen und den zahlreichen anderen Sehenswürdigkeiten. Doch noch nicht so glühend heiß und unerträglich wie in den Sommermonaten, in denen die Sonne niederbrannte und sengte.
    Wer es sich dann leisten konnte, verließ die Ewige Stadt. Die rundliche kleine Nonne, deren graue Haare ihre weiße Nonnentracht verbarg, genoss ihre abendlichen Spaziergänge. Sie schaute zur Kuppel des Petersdoms hinüber, die von der untergehenden Sonne bestrahlt wurde.
    Schwester Lioba verließ die Vatikanstadt nur selten. Sie verabscheute den Trubel der Millionenstadt Rom, den-Verkehr und den Smog, arrogante und teils äußerst freizügig oder für ihren Geschmack allzu elegant gekleidete Menschen. In der Vatikanstadt war sie vollauf zufrieden und ging in ihrer Aufgabe auf.
    Das Oberhaupt der Christenheit, den Stellvertreter Gottes auf Erden, zu pflegen, sah sie als eine hohe Ehre an. Die Ursulinen-Schwester besuchte täglich die Heilige Messe und beichtete jede Woche, wobei sich ein Außenstehender fragen musste, welche Sünden sie eigentlich begehen konnte.
    Doch schon mangelnde Frömmigkeit beim Gebet oder wenn sie einmal naschte, sah Schwester Lioba das als solche an. Sie stammte aus einem Abruzzendorf - schon in früher Jugend hatte sie sich entschlossen, ins Kloster zu gehen. Ihre vier Schwestern waren alle verheiratet, Brüder hatte sie nicht.
    Schwester Lioba hatte eine große Verwandtschaft. Der Höhepunkt des Jahres war es für sie, wenn sie für eine Woche ihr Geburtsdorf besuchte. Als ihre Heimat sah sie längst den Vatikan an. Als jemand, der in der unmittelbaren Nähe des Papstes verkehrte und persönlich mit ihm Kontakt hatte, war Schwester Lioba in dem Dorf Pescantanto eine Sehenswürdigkeit und Respektsperson.
    Und sie setzte ihre ganze Ehre und Energie darin, möglichst jedem ihrer Verwandten und allen Pescantantern, die das wollten, eine Audienz beim Papst zu verschaffen. Zwar keine Einzelaudienz, das war ihr in den vielen Jahren nur einmal gelungen, doch immerhin bei der Sammelaudienz oder in kleineren Gruppen.
    Schwester Lioba sah ein paar junge Priester Vorbeigehen. Sie diskutierten lebhaft miteinander, ja, sie lachten sogar. Die rundliche Ursuline war ein wenig empört, das erschien ihr doch allzu weltlich. Dass von den sechs Priestern einer ein ausgesprochen schöner Mann war, ein wahrer Adonis, bemerkte sie zwar, doch das war für sie höchstens ein Grund, für diesen jungen Geistlichen zu beten.
    Denn zahlreich waren die Fallstricke auf dem Weg eines Geistlichen, der der Weltkirche angehörte, also nicht im Kloster mit seinen strengen Regeln Zuflucht und Halt hatte. Manch einer war schon gefallen, nicht nur gestrauchelt.
    Die Ursuline errötete ein wenig, als ihr flüchtig durch den Kopf ging, wohin solche Kontakte führten. Sie schlug sofort ein Kreuz und beschloss, sich an dem Abend einer kalten Waschung zu unterziehen. Dabei hatte sie schon gehofft, solche sündigen Gedanken in sich abgetötet zu haben.
    Christus sollte ihr Bräutigam sein, und sonst niemand.
    Die Bougainvilleas und andere Sträucher im Park mit seinen Springbrunnen und verschlungenen Wegen dufteten. In Gedanken versunken, den weißen Rosenkranz zwischen den Fingern, ging Schwester Lioba zu ihrem Lieblingsplatz, der Mariengrotte bei einer künstlichen Felsgruppe.
    Rote und weiße Rosen blühten und dufteten dort. Die Grotte befand sich auf einem Hügel, und man hatte einen Ausblick über die Mauern der Vatikanstadt hinaus auf die Dächer Roms.
    Rot sank die Abendsonne und steckte den Himmel in Brand. Schwester Lioba hing ihren Gedanken nach. Nach ihren Begriffen war ihr Leben erfüllt. Eine ernsthafte Versuchung war nie an sie herangetreten. Sie gehörte zu jenen - beneidens- oder bedauernswerten? - Charakteren, denen Höhen und Tiefen im Leben erspart blieben.
    Das Aufwühlendste, was Schwester Lioba in ihren 53 Lebensjahren erlebt hatte, war ein Wortwechsel mit ihrer Oberin gewesen. Eine Auseinandersetzung. Und ein andermal eine Nierenkolik, derentwegen sie in eine Klinik

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