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0767 - Zeit der Wachsleichen

0767 - Zeit der Wachsleichen

Titel: 0767 - Zeit der Wachsleichen
Autoren: Jason Dark
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Die Kirche stemmte sich dem einfallenden Wind entgegen. Er heulte regelrecht, als wären Tiere dabei, von irgendwelchen anderen Wesen gefoltert zu werden.
    Büsche und kleinere Bäume verneigten sich vor dem Wind, schienen ihm ihre Referenz erweisen zu wollen. Auf dem Kirchturm drehte sich der Wetterhahn wie ein Kreisel.
    Dann schlief der Wind ein. Von einem Augenblick zum anderen zog er sich zurück.
    Was blieb, war Stille.
    Eine beklemmende, unheimliche Stille, angefüllt mit Schatten und den düsteren Umrissen der Gräber mit ihren Steinen und Kreuzen. Nur die über den Friedhof laufenden Wege sahen heller aus und wirkten wie Adern, die einen geometrischen Körper durchschnitten.
    Auf dem Terrassenfriedhof gab es hellere und dunklere Stellen. Dort, wo es besonders finster war, standen drei Gräber, die von den Bewohnern des Ortes nicht beachtet wurden. Sie lagen auch etwas außerhalb des normalen Geländes. In ihnen waren drei ehemalige Besatzungssoldaten verscharrt worden, GIs, die sich eines schrecklichen Verbrechens schuldig gemacht hatten.
    An diesem Abend aber bildeten sie den Mittelpunkt des Friedhofs, denn von ihnen ging das Grauen aus.
    Gräber, von denen eines etwas vorstand und größer wirkte als die beiden anderen. Ein Stein schaute schief aus der weichen Erde hervor. Die Erde in der Mitte war von innen her aufgewühlt worden, als hätte der längst Verstorbene versucht, sich wieder einen Weg in die Welt der Lebenden zu bahnen.
    Das war tatsächlich geschehen! Fast hatte er es geschafft. Den Anfang hatte er bereits gemacht und seine Faust aus der Tiefe der Erde in die Höhe gestemmt, wobei er zwischen Daumen und Zeigefinger ein menschliches Auge eingeklemmt hatte, das in einem kalten Weiß leuchtete.
    Die Hand war oben, ein Teil des Armes auch. Der unheimliche Zombie hatte den größten Teil des Wegs hinter sich gelassen. Was nun folgte, war für ihn nicht mehr als ein Kinderspiel.
    Durch den Arm lief ein Ruck. Wieder brach Erde auf und krümelte auseinander. Die Faust stieg höher, als wollte sie schon jetzt eine furchtbare Drohung gegen alles Lebendige ausstoßen. Einen Moment später spaltete sich die weiche Grabfläche, und es erschien eine Schulter.
    Wer da an fleischlose Knochen gedacht hatte, der hatte sich geirrt, denn die Gestalt, die bereits Jahrzehnte im kühlen Grab gelegen hatte, war nicht verwest. Zwar trug sie keine Kleidung mehr, doch die Haut war noch vorhanden. Sie klebte wie dickes, graubleiches Papier auf den Knöcheln und Sehnen, zusammengeschrumpelt, faltig und dabei gleichzeitig glitschig aussehend.
    Nicht verwest - tot und dennoch am Leben. Dafür gab es nur einen Ausdruck.
    Zombie!
    Aber dieser lebende Tote war einfach mehr, schon weil er nicht sehr viele Spuren von Verwesung zeigte. Er war das, was man eine Wachsleiche nannte.
    Und diese Gestalt quälte sich weiter. Sie durchbrach auch den letzten Damm aus feuchter Erde, die sich wie eine Klammer um ihren untoten Körper gelegt hatte. Nichts konnte sie mehr aufhalten. Sie wollte um alles in der Welt das Freie erreichen. Das Mondlicht schien sie zu locken, denn die Wolken waren dünner geworden und hatten sich an bestimmten Stellen ganz aufgelöst.
    Der fahle Schleier fiel wieder hinab auf den Friedhof, wo er die Gräber und Wege anleuchtete und sie zu einer stimmigen Kulisse eines Gruselstreifens machte.
    Beide Arme hatte die Gestalt aus dem Grab hervorgezogen. Das Erdreich umspannte nur mehr die Hüfte des Zombies, als er verharrte und seine rechte Hand in Richtung Kopf bewegte, wo sich die leere Augenhöhle wie ein Tunnel abzeichnete.
    Sie war für das Auge wie geschaffen. Er drückte es in die Höhle hinein.
    Jetzt war die Wachsleiche zufrieden.
    Sie streckte ihre Arme aus. Sehnen bewegten sich, sie zurrten und zerrten, Knochen schoben sich zusammen, und es war leises Knacken zu hören. Als die Leiche ihre Arme weit genug ausgestreckt hatte, ließ sie sich nach vorn fallen und stemmte sich auf dem Grab ab. Die gespreizten Hände erreichten beinahe den unteren Rand der Grabstätte, der von schlecht befestigten Kantsteinen markiert wurde.
    Nichts war davon zu bemerken, daß in diesem Grab noch ein zweiter Toter gelegen hatte. Eine frische Leiche, die von einer unheilvollen Kraft in die Erde gezogen worden war und der Wachsleiche als schreckliche Nahrung gedient hatte.
    Dadurch war sie zu Kräften gekommen…
    Noch steckte ein Teil des Körpers in der Erde. Sie aber drehte und wand sich, ihre Beine bewegten sich, sie zerrte

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