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0694 - Lavalles Todesspur

0694 - Lavalles Todesspur

Titel: 0694 - Lavalles Todesspur
Autoren: Jason Dark
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Heavy war erst fünfundzwanzig Jahre, sah aber zehn Jahre älter aus. Das Leben auf der Straße hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen. Er trug noch immer den langen Winterlappen, den der Regen schwer gemacht hatte. Seine Hosen sahen aus wie eine feucht gewordene Ziehharmonika, und gerade dieses verfluchte Wetter zwang den Stromer dazu, über seinen eigenen Schatten zu springen und das Haus zu betreten.
    Er ging einen Schritt vor. Der Windstoß packte die Tür und donnerte sie ins Schloß.
    Es klang wie ein Schuß, und Heavy zuckte zusammen. Er überlegte, ob er wieder verschwinden sollte, tat genau das Gegenteil davon und lehnte sich gegen die Flurwand.
    Dort blieb er stehen und holte tief Luft. Der alte Rucksack, in dem er seine Habseligkeiten verstaut hatte, rutschte von der Schulter, prallte zu Boden und drückte sich zusammen, da er nur bis zur Hälfte gefüllt war.
    Heavy wischte durch sein Gesicht, wrang Bart und Haare aus und schlurfte weiter.
    Der Geruch blieb…
    Es lag nicht an der Feuchtigkeit, die der Regen auch in das Haus hatte eindringen lassen, es war etwas anderes, das er mit Worten nicht beschreiben konnte.
    Hier war etwas passiert.
    Etwas Grauenhaftes, das seinen Abschluß in einem furchtbaren Tod gefunden hatte.
    Heavy überlegte.
    Er gehörte zu denen, die im Sommer nach London kamen und sich eigentlich immer nahe der Themse aufhielten. Im Prinzip war das gut, es hatte auch stets geklappt, nicht aber in diesem Jahr.
    Da hatte ihm das Wetter einen Streich gespielt.
    Bisher war der Mai furchtbar gewesen. Regen, Kälte, in den oberen Lagen Schnee, und jetzt wieder dieser widerliche Sturm, dieses Niederprasseln der Wassermassen, die auf das alte Haus trommelten, als wollten sie es zerstören.
    Unwillkürlich zog Heavy den Kopf ein und ging noch einige Schritte tiefer in das Haus.
    Der Geruch verschwand nicht…
    Heavy preßte seine Hand auf den Magen. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, für einen Moment drehte sich alles vor seinen Augen, und er dachte auch daran, was hier geschehen war.
    Seit Tagen schon hielt er sich in der Nähe des Hauses auf. Er hatte es beobachtet und hatte auch die Uniformierten gesehen und die beiden primitiven Särge, die aus dem alten Haus getragen worden waren.
    Gefüllte Särge…
    Tote!
    Heavy hatte gezögert, bevor er das Haus betrat. Er gehörte zu den abergläubischen Menschen, er hätte auch nie ein Auto gekauft, in dem zuvor jemand umgebracht worden war, und so ähnlich erging es ihm jetzt, als er sich zwischen diesen Wänden aufhielt, vor bis in die Küche ging und seine Stablampe anzündete.
    Draußen wütete der Regen, da pfiff der Wind, da war die Dunkelheit der Nacht zu einem gespenstischen Flattern geworden, das vor den Scheiben tanzte.
    Im Haus war alles anders.
    Heavy hätte nicht gedacht, daß er sich unwohler fühlen würde als draußen. Er kam sich vor wie in einem Gefängnis, nur lauerten vor den Scheiben keine Wächter.
    Düsterblaue Schatten erfüllten den Raum, der eine Küche war. Das Licht der Lampe wirkte wie ein starrer, haarloser, kahler Arm, als er seinen Weg durch den Raum fand.
    Die Geräte interessierten Heavy nicht. Er ließ den Strahl ausschließlich über den Boden wandern und vergaß auch nicht die roten Flecken, die sich dort wie zerspritzte Farbtupfer ausbreiteten.
    Das war Blut!
    Ihm stockte der Atem.
    Nach einer Weile bückte er sich, fuhr mit dem Finger in die Lache, die schon eingetrocknet war.
    Wer war hier gestorben?
    Der Wind packte wieder zu. Seine unsichtbaren Hände griffen unter die Dachrinne, die an einigen Stellen nicht mehr sehr fest war. Er spielte mit ihr, er ließ sie scheppern, so daß Heavy das Geräusch vorkam wie ein unheimlicher Glockenklang.
    Er wußte nicht, wer zuvor in diesem Haus gelebt hatte, aber er war mit einem gewissen Instinkt ausgestattet, und der wiederum sagte ihm, daß es eine Person gewesen war, die mit Kräften in Verbindung stand, die er nicht überblicken konnte.
    Er fürchtete sich sogar davor.
    Heavy richtete sich auf.
    Der Strahl machte die Bewegung mit, huschte an der Innenseite einer Fensterscheibe vorbei, bohrte sich in dieses stumpfe Grau und erhellte für einen Moment einen kleinen Ausschnitt der Welt, die hinter der Scheibe lag.
    Ein Gesicht!
    Scharfe Umrisse, wie mit einem Stück Holzkohle gezeichnet. Darin düstere Augen, aus denen das tiefe Grauen einer anderen Welt strahlte. Heavy erstarrte, schloß für einen Moment die Augen, öffnete sie wieder, schaute abermals

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