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069 - Der Vampir von Venedig

069 - Der Vampir von Venedig

Titel: 069 - Der Vampir von Venedig
Autoren: Dämonenkiller
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Sie merkten nichts. Lachend und schwatzend stiegen sie aus dem Vaporetto, um die Stühle des kleinen Straßencafes zu stürmen. Es handelte sich um Touristen aus der Schweiz, die froh waren, endlich einmal verschnaufen zu können. Sie hatten gerade den Markusplatz besichtigt, die Markuskirche ausgiebig fotografiert und auch die obligate Taubenfütterung hinter sich gebracht. Ihr Bedarf an Venedig war vorerst mal gedeckt.
    Der Mann am Ruder des kleinen Dampfers wartete ungeduldig, bis der letzte Tourist von Bord war. Er winkte jetzt seinen beiden Helfern zu, beorderte sie nach vorn zum Bug und langte nach einem langen Enterhaken. Nachdem er sich noch einmal vergewissert hatte, daß die Touristen ihn nicht beobachteten, fischte er nach der Leiche, die im schmutzigen Wasser des kleinen Kanals schwamm. Es handelte sich um einen jungen Mann, der etwa zwanzig Jahre alt sein mochte. Er trug Jeans, ein buntes Hemd und Tennisschuhe.
    „Paßt auf, sie dürfen nichts merken."
    Der Kapitän deutete hinauf zum Straßencafe. Die mit dem Reiseunternehmen vertraglich vereinbarte Rundfahrt war noch nicht abgeschlossen. Er wollte die ausgelassene Stimmung der Touristen nicht beeinträchtigen. Venedig war eine heitere Stadt, in der der Tod offiziell nichts zu suchen hatte.
    Der Kapitän drückte den Toten vorsichtig an die Grundmauer und brachte ihn so aus dem Gesichtsfeld der Touristen. Er überlegte fieberhaft, wie er sich verhalten sollte. Verständigte er die Polizei, gab es den unvermeidlichen Wirbel. Auf der anderen Seite konnte er den Toten unmöglich im Wasser liegen lassen. Er richtete sich auf und sah seine beiden Helfer an.
    Sie machten einen nervösen Eindruck, warteten auf seine Befehle.
    Der Kapitän geriet in Panik, als oben an der Treppe des Straßencafes zwei Touristen erschienen. Sie riefen ihm etwas zu, was er nicht verstand, kamen jetzt herunter und näherten sich ihm. Der Kapitän ging ihnen schnell entgegen, wobei er einem seiner Helfer die lange Stange in die Hand drückte. Nein, sie hatten nichts gemerkt. Sie erkundigten sich umständlich nach dem Namen eines Palazzo, der auf der gegenüberliegenden Seite des schmalen Kanals stand. Der Kapitän hörte sich reden und Erklärungen abgeben, doch im Grunde wußte er gar nicht, was er sagte. Dicke Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Weich war er in den Knien, als die beiden Schweizer wieder die Treppe hinaufstiegen. Er schien ihnen also doch die richtige Auskunft gegeben zu haben.
    „Das ist Stefano", sagte einer der beiden Helfer, als der Kapitän zurück zum Bug gekommen war. „Stefano Grassi", fügte der zweite Helfer hinzu und bekreuzigte sich. „Er stammt hier aus dem Viertel."
    Der Kapitän wußte mit dem Namen zwar nichts anzufangen, doch irgendwie war er erleichtert. Er witterte eine Möglichkeit, die Polizei aus dem Spiel zu halten.
    „Könnt ihr seine Familie benachrichtigen?" fragte er hastig und sah wieder hinauf zum Straßencafe. Mit der Rückkehr der Touristen war vorerst bestimmt nicht zu rechnen.
    „Ich laufe sofort los", bot sich der erste Helfer an. „Man könnte Stefano mit einer Gondel wegschaffen."
    „Beeil dich!" drängte der Kapitän und erschrak, als oben vom Platz her ein Ruf zu hören war. Er unterdrückte einen Fluch. Ein Postbote stand neben seinem Fahrrad und beugte sich neugierig nach unten.
    „Was ist los?" fragte er unnötigerweise, denn er mußte den Toten bereits gesehen haben.
    „Ich - ich weiß auch nicht", gab der Kapitän zurück.
    „Das ist doch ein Grassi!" rief der Postbote entsetzt. „Du lieber Himmel, das ist ja Stefano!"
    „Schon gut, schon gut."
    Der Kapitän deutete zum Straßencafe hinüber. Er wollte noch etwas hinzufügen, doch der Postbote schwang sich bereits auf sein Rad und fuhr los. Der Kapitän wußte, daß jetzt die Polizei doch verständigt wurde. Er mußte den Dingen ihren Lauf lassen. Da war nichts mehr zu machen.
    Er drehte sich um und ging zurück zur Reling. Der zweite Helfer hatte den Toten vorsichtig gegen die Grundmauer geschoben und deutete entsetzt nach unten.
    „Sieh dir das an!" flüsterte er. „Sieh dir seinen Hals an! Wie ein Biß!"
    Der Kapitän wußte, worauf sein Helfer anspielte. Auch er sah die beiden bläulich verfärbten Wunden am Hals des Toten. Er bekreuzigte sich und hatte plötzlich Angst. Ihm war nur zu bekannt, was man sich seit einiger Zeit in den Vierteln der Stadt zuflüsterte.

    „Da ist er schon wieder", flüsterte Christa ihrem Mann zu, während sie sich

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