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06 - Ein echter Snob

06 - Ein echter Snob

Titel: 06 - Ein echter Snob
Autoren: Marion Chesney
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Erstes Kapitel

    »Was soll das heißen, Mann, dass in
diesem Gasthaus kein Zimmer mehr zu haben ist?»
    Der Wirt des >Bell< schaute
ängstlich zu dem großen Mann auf, der auf der Schwelle seines Gasthauses stand.
»Es ist so, wie ich es sage, Sir. Heute abend findet hier eine Veranstaltung
statt, und die Leute sind von überall her gekommen, um daran teilzunehmen. Es
ist kein Zimmer frei, Mr. —?«
    »John«, sagte der hochgewachsene
Herr. »Mr. John. Sie können den doppelten Preis verlangen, Herr Wirt, wenn Sie
ein Zimmer für mich finden. Ich warte in der Schankstube, während Sie die
Sache in die Wege leiten.«
    Er betrat mit großen Schritten vor
seinem Diener, der ihm auf dem Fuße folgte, die Schenke, während ihm Mr. Sykes,
der Wirt, mit offenem Mund nachstarrte.
    »Was gibt es?« fragte seine Frau,
die hinter ihm auftauchte. »Ein Herr namens Mr. John hat ein Zimmer verlangt.
Er sagt, er will den doppelten Preis dafür zahlen.«
    Na, das ist doch zu machen«, sagte
seine Frau bedächtig. »Den jungen Mr. Partridge und seinen Freund, Mr. Clough,
können wir notfalls zusammenlegen.«
    »Ich mag die überhebliche Art dieses
Snobs nicht, wenn ich ehrlich sein soll«, sagte der Wirt.
    »Geld ist Geld«, sagte seine
lebenstüchtige Frau. »Du weißt doch, dass uns das Veranstaltungskomitee vor Martini
keinen Penny zahlt.«
    »Also gut«, meinte der Wirt
widerstrebend. »Aber du gehst zu ihm hinein und sagst ihm, dass er
höchstwahrscheinlich ein Zimmer haben kann. Er ist in der Schenke. Er hat
etwas an sich, das mir ganz und gar nicht gefällt.«
    Mrs. Sykes rückte ihre Haube zurecht
und öffnete die Tür zur Schankstube, während ihr Mann nach oben ging.
    Ein paar von den Stammgästen
betrachteten missmutig die zwei Männer, die in den besten Sesseln vor dem Kamin
saßen und sie offensichtlich von ihren Stammplätzen vertrieben hatten.
    Mrs. Sykes hatte vor, kein Blatt vor
den Mund zu nehmen und den beiden zu sagen, dass sie sehr froh sein könnten,
wenn sie ein Zimmer bekämen, doppelter Preis hin, doppelter Preis her; aber als
sie näher kam, erhob sich der größere der beiden Männer, und die Worte blieben
ihr im Halse stecken.
    Zwei eisblaue Augen in einem
sonnengebräunten Gesicht über den schneeweißen Falten einer raffiniert
geschlungenen Halsbinde blickten hochmütig auf sie herab. Das Haar des Mannes
hatte die Farbe von glänzend polierten Goldstücken. Sein klassisch geformter
Mund wirkte entschlossen. Eine Aura von Reichtum und Macht umgab ihn. Mrs.
Sykes versank in einen tiefen Knicks.
    »Mein Mann bemüht sich, zwei unserer
Gäste dazu zu bringen, sich ein Zimmer zu teilen«, sagte sie. »Damit wäre ein
Zimmer frei für Sie, Sir, und...?« Sie schaute fragend auf den kleineren
Mann.
    »Für meinen Diener«, sagte der große
Mann. »Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen.« Auf einmal lächelte er, ein
Lächeln von überwältigender Liebenswürdigkeit, das so gar nicht zu seiner
vornehm abweisenden Art passen wollte.
    »Und wenn Euer Ehren unseren Ball
durch Ihre Anwesenheit auszeichnen wollen«, sagte Mrs. Sykes, der der Atem
stockte, so überwältigt war sie von diesem Lächeln, »so würde das Festkomitee
bestimmt sehr stolz sein.«
    Der hochgewachsene Mann musterte sie
nachdenklich. »Vielleicht«, sagte er. »Wir werden sehen. Geben Sie mir
Bescheid, sobald das Zimmer fertig ist.«
    Mrs. Sykes knickste noch einmal und
ging hinaus.
    Die beiden Männer setzten sich
wieder. »Nun, Fergus«, fragte der große Mann, »soll ich an diesem ländlichen
Tanzvergnügen teilnehmen?«
    »Wenn es Euer Gnaden Spaß macht«,
sagte sein Diener. »Aber warum die Verstellung? Warum sagen Sie dem Wirt nicht,
dass Sie der große und edle Herzog von Pelham sind?«
    »Weil ich die Speichellecker und
Postenjäger satt habe«, antwortete der Herzog gedehnt. »Ich möchte mich ein bisschen
von der Sorte Menschen erholen Das weißt du doch, Fergus. Wir sind jetzt schon
so viele Jahre zusammen und haben in so vielen Schlachten miteinander gekämpft.
Ich erlaube dir mehr Freiheiten als irgendeinem anderen. Aber wenn ich heute
abend einmal unerkannt bleiben will, so ist das meine Angelegenheit.«
    Ein Schimmer der Zuneigung leuchtete
in den Augen des Herzogs auf, als er sah, wie sich Fergus' sonnenverbranntes Gesicht
missbilligend verzog— Fergus, einst sein ergebener Bursche, jetzt sein
Kammerdiener, Gefährte und manchmal auch Ratgeber.
    »Aber die Diener in diesem
verfluchten Londoner Haus wissen, wer Sie sind«,

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