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051 - Die Hexe und ihr Henker

051 - Die Hexe und ihr Henker

Titel: 051 - Die Hexe und ihr Henker
Autoren: A.F.Morland
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Tür. Der Sturm fuhr ihr in die Fülle ihres roten Haares und zerzauste es. Während sie mit der linken Hand ihre rote Mähne zu bändigen versuchte, zog sie mit der rechten die Strickstola enger um ihren schlanken Hals zusammen.
    Unweit vom Wirtshaus entfernt - aber doch weit genug weg, daß sie ungestört sein würden - stand der große Truck. Herb Colodner hatte vor einer Stunde die Zusatzheizung eingeschaltet, damit es warm war in seinem »Nest«, wie er die Koje bezeichnete.
    Melissa Farr lief mit schnellen Schritten zum Truck. Herb hatte ihr versprochen, daß er sie irgendwann mitnehmen würde, und sie glaubte ihm.
    Nicht, daß sie nicht gern in Monwyth gelebt hätte, aber sie mußte an die Zukunft denken. Sie wollte mit Herb eine Familie gründen, in London, denn dort wollte sich Herb Colodner als freier Frachter etablieren.
    Er hatte in all den Jahren, die er auf Europas Straßen verbrachte, fleißig gespart, und einiges würde auch Melissa zuschießen, damit er sich selbständig machen konnte.
    Vielleicht war es nächstes Jahr schon so weit. Wenn Herb dieses Ziel, sein größtes in seinem Leben, erreicht hatte, würden sie heiraten, so war es beschlossen.
    Bis dahin mußte sich Melissa mit den wenigen Zusammenkünften begnügen, die ihr Herbs Frachtgesellschaft bescherte, indem sie ihn Richtung Cornwall schickte.
    Sie erreichte den Truck und öffnete die Tür. Das Aluminiumtrittbrett war hoch; sie hielt sich an der Chromstange fest, zog sich daran hinauf und turnte in das Fahrerhaus.
    Sobald sie die Tür hinter sich zugeklappt hatte, umfing sie eine wohlige Wärme. Sie legte die selbstgestrickte Stola ab und schob den Kojenvorhang zur Seite.
    Der Sturm rüttelte an dem schweren Truck, doch hier drinnen konnte er ihr nichts anhaben. Melissa fühlte sich geborgen. Sie drehte das Radio auf, suchte nach einem Sender, der Musik brachte, die zu ihrer Stimmung paßte, und legte sich auf das Kojenbett.
    Während sie sich wohlig räkelte, dachte sie daran, daß sie sich später, wenn sie Herbs Frau war, noch gern an diese Nächte erinnern würde. Die Truckkoje bot zwar keinen prunkvollen Rahmen, aber sie war mit Herb hier glücklich, und darauf kam es letztlich an.
    Sie schob die Hände unter den Kopf und wartete auf ihn, doch nicht er, sondern ein anderer befand sich auf dem Weg zu ihr…
    ***
    Farley Walpo kicherte wieder. In einem finsteren Versteck hatte er beobachtet, wie Melissa Farr in den Truck kletterte. Einen größeren Gefallen hätte sie ihm nicht erweisen können.
    »Sie wartet«, flüsterte der Mörder erregt. »Wartet auf mich!«
    Er trat aus dem dunklen Versteck. Der Sturm stieß ihn regelrecht vorwärts, auf den Truck zu.
    Walpo erreichte das Heck des langen Trucks. Damit ihn das Mädchen nicht in den großen Außenspiegeln entdeckte, machte er sich ganz klein.
    An den dicken Zwillingsreifen vorbei pirschte er sich zur Fahrzeugtür. Schwer lag die Axt in seiner Hand. Er warf einen Blick über die Schulter. Hier draußen befanden sich nur er und sein Opfer. So war es ihm recht.
    Langsam setzte er seine Schritte, um sich nicht vorzeitig zu verraten. Er mußte das Mädchen überraschen. Melissa mußte von seinem Erscheinen so geschockt sein, daß sie nicht an Gegenwehr dachte.
    Farley Walpo tastete sich zum Trittbrett vor. Er hörte gedämpfte Musik aus dem Truck dringen, richtete sich langsam auf und streckte sich nach dem Türgriff.
    Drinnen träumte Melissa Farr von einer Zukunft, die es für sie nicht mehr gab. Einen Moment vermeinte sie, draußen ein Geräusch zu vernehmen.
    Daß es jemand anders sein konnte als Herb Colodner, kam ihr nicht in den Sinn. Erwartungsvoll setzte sie sich auf, und ein erfreutes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen.
    Als das metallische Schnappen an ihr Ohr drang, schlug ihr Herz schneller, und sie sehnte sich danach, von Herb in die Arme genommen zu werden.
    Die Tür schwang auf, und Melissa glaubte Herb Colodner zu sehen. Sie hörte das Kratzen seines Schuhs auf dem Trittbrett, und als der Mann sich hochstemmte, sagte sie: »Komm rein! Mach die Tür ganz schnell zu, sonst wird mir kalt.«
    »Jaaa«, kam es rauh aus der Kehle des Mörders, und diese gedehnte Antwort war ein Schock für Melissa, denn an der Stimme erkannte sie, daß es nicht Herb war.
    Er klappte die Tür zu, und Melissa sah sein Gesicht, sah die Axt in seiner Hand und wollte laut um Hilfe schreien, doch das ließ der Mörder nicht zu.
    Blitzschnell legte er seine Hand auf ihren aufgerissenen Mund und

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