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0458 - Der Zombie-Zug

0458 - Der Zombie-Zug

Titel: 0458 - Der Zombie-Zug
Autoren: Jason Dark
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Die Frau wußte nicht, von wem ihr Mann da gesprochen hatte. Sie hatte auch nicht mehr nachgefragt. Ruhig, als hätte sich Gilbert nur zum Schlafen niedergelegt, lag er im Bett. Sein Gesicht war eingefallen, er sah schon aus wie ein Toter. Die gichtkrummen Finger lagen auf dem hellen Laken und hoben sich in ihrer Farbe kaum davon ab.
    Seltsam bläulich schimmerten die Fingernägel. Sie waren auch lang geworden, als wären sie in der letzten Stunde noch gewachsen.
    Der Nebel quoll lautlos durch den Raum, als wäre er durchsetzt mit den Geistern der Toten, die schon jetzt angetreten waren, um den alten Gilbert Claim zu begrüßen.
    Madge hatte den Anblick nicht lange ertragen können. Obwohl es sich nicht gehörte, war sie gegangen. Sie konnte ihn einfach nicht mehr sehen. In der Küche hing eine Strickjacke über dem Stuhl. Sie zog diese über, kehrte zurück und hatte soeben die Tür geöffnet, als sie den schrillen Pfiff hörte, der ihr einen kalten Schauer über den Rücken trieb.
    Gleichzeitig richtete sich der Sterbende noch einmal auf. Farbe kehrte in sein blasses Gesicht zurück. Er schaffte es sogar, beide Arme zu heben und rief mit lauter Stimme: »Jaaaa… ich habe euch gehört. Ich werde kommen. Wartet auf mich … wartet …« Dann sank er zurück, legte sich fast sanft nieder – und starb.
    Madge hatte sich nicht rühren können. Schweigend, entsetzt und bestürzt blieb sie auf der Türschwelle stehen. Erst Minuten später ging sie zum Totenbett ihres Mannes, drückte ihm die Augen zu und wollte ihm noch die Hände auf der Brust zusammenfalten, was ihr aber nicht gelang.
    Sosehr sie sich auch bemühte, die starren Finger wollten einfach nicht ineinandergreifen. Sie zuckten immer wieder zurück und blieben schließlich zu beiden Seiten des Körpers starr liegen.
    »Teufelsspuk!« flüsterte Madge. »Das ist Teufelsspuk. Der Barmherzige hat die Seele meines Mannes nicht haben wollen. Jetzt besitzt sie der Teufel. O nein…« Sie drehte sich um und verließ fluchtartig den Raum. Wenn es eben möglich war, wollte sie nicht mehr zurückkehren.
    In der Küche blieb sie hocken. Das elektrische Licht sparte sie sich.
    Statt dessen zündete sie im Gedenken an ihren Mann eine einfache weiße Kerze an.
    Ihr Gesicht wurde auch von diesem Schein erfaßt. Es bekam einen rötlichen Schimmer, der die harten, von Müh und Arbeit gezeichneten Züge weich erscheinen ließ. Tränennaß waren ihre Wangen, die Mundwinkel zuckten immer dann, wenn sie an ihren verstorbenen Gatten dachte. Daß sie etwas unternehmen mußte, war ihr klar, nur besaß sie jetzt nicht die Kraft, es zu tun.
    Viele Freunde hatten sie im Ort nicht. Die Menschen in ihrem Alter waren fast alle gestorben, und die Jungen, mein Gott, die verließen die Highlands, um in die großen Städte zu gehen, weil sie dort eine bessere Chance hatten, Arbeit zu bekommen.
    Am nächsten Morgen wollte sie ihren Pflichten nachkommen. Der Pfarrer und der Bürgermeister mußten benachrichtigt werden, auch der Tischler, denn er stellte die Särge her.
    Madge wurde müde.
    Die letzten Tage hatten an den Kräften der Frau gezehrt. Ohne es eigentlich zu wollen, sank ihr Kopf nach vorn, und sie wäre vielleicht sogar mit ihrem grauen Haar in den Schein der Kerze geraten, hätte es nicht an der Tür geschellt.
    Zwar hielt sie in der Bewegung inne, aber sie traf keinerlei Anstalten, sich zu erheben und zur Haustür zu gehen. Auch als es zum zweitenmal klingelte, winkte sie nur müde ab.
    Ein drittesmal wurde nicht geläutet, doch der Besucher machte sich auf eine andere Art und Weise bemerkbar. Er klopfte so hart gegen das Küchenfenster, daß Madge Claim erschrak.
    »Machen Sie doch auf, Mrs. Claim! Bitte, ich möchte mit Ihnen reden.«
    Sehr langsam erhob sich die alte Frau. »Sie, Mr. Field?«
    »Ja, wer sonst?«
    »Aber…«
    »Bitte öffnen Sie!«
    Madge hob die Schultern, verließ die Küche und schlurfte durch den schmalen Flur, in dem es nach irgendwelchen Salben roch, mit denen sie ihren Mann in den letzten Tagen ständig eingerieben hatte.
    James Field gehörte zu den jüngeren Menschen. Er war nicht ganz 40 Jahre alt und hatte Arbeit gefunden, denn er war so etwas wie der Dorfkonstabler.
    Dorfpolizist, Junggeselle und ein Mann, mit dem man reden konnte. Auch als älterer Mensch. Deshalb scheute sich Madge Claim auch nicht, die Haustür zu öffnen.
    Field trug seinen Helm unter dem Arm. Das blonde Haar stand wie ein Borstenkamm auf seinem Kopf. Sogar der Oberlippenbart

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