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0448 - Heroin für reiche Ladies

0448 - Heroin für reiche Ladies

Titel: 0448 - Heroin für reiche Ladies
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Der Stoß kam so hart und plötzlich, daß Dr. James Cyrus seine Instrumententasche fallen ließ und nach Luft schnappte. Er wollte sich empört umdrehen, aber der mahnende Druck eines Pistolenlaufs in seinem Rücken ließ ihn darauf verzichten. Seine Empörung verwandelte sich in einen Zustand jähen Terrors.
    »Hallo, Doc«, sagte eine' männliche Stimme dicht an seinem Ohr. Die Stimme war nicht sehr laut, sie hatte einen heiseren, ironisch-vergnügten Klang, sie war selbstsicher und drohend zugleich. »Sie haben etwas fallen gelassen. Heben Sie den Messerbeutel auf und richten Sie sich nach dem, was ich Ihnen in die hygienebewußten Ohren flüstere!«
    James Cyrus atmete tief durch. Er durchlebte einen dieser Momente, wo sich die Grenzen von Traum und Wirklichkeit verwischen. Das durfte einfach nicht wahr sein! Niemand konnte es ernsthaft wagen, mitten auf der belebten 86. Straße einen Stick-up durchzuführen! Aber genau das war der Fall. Cyrus sah die Gesichter der vorüberströmenden Passanten, blasse, abgespannte Masken, blind für eine Umgebung, die ihnen nichts bedeutete.
    Niemand schenkte ihm oder dem Mann hinter ihm auch nur die geringste Beachtung. Der Gangster hatte Zeit und Platz des Überfalls gut gewählt. Sie standen dicht am Rinnstein. Zur Straße hin wurden sie durch die parkenden Wagen abgeschirmt, während der Gangster mit seinem Körper die Pistole verdeckte, die sich noch immer mit schmerzhaftem Druck in James Cyrus Rücken bohrte.
    Ich muß ruhig bleiben, dachte der Arzt, ganz ruhig. Er bückte sich und hob die Tasche auf. Dann stand er sehr steif in der Mittagssonne, wie ein Soldat, der auf das nächste Kommando wartet. Ganz in der Nähe lachte ein Kind. Cyrus zuckte zusammen.
    »So ist‘s brav«, lobte die heisere, vergnügte Stimme. »Gehen Sie jetzt zu Ihrem Wagen und steigen Sie ein. Vergessen Sie dabei keine Sekunde, daß ich eine Kanone habe.«
    Cyrus setzte sich in Bewegung. Er registrierte mit Erleichterung, daß der Mann die Pistole zurückzog. Aber was half das schon? Der Kerl blieb so dicht hinter ihm, daß Cyrus meinte, den heißen, scharfen Atem des Gangsters an seiner Wange zu spüren.
    James Cyrus hatte keine Lust, den Helden zu spielen. Im Grunde gab es keinen Anlaß, die Situation zu dramatisieren. Stick-ups ereigneten sich häufiger. Man war maßlos überrascht und entsetzt, wenn sie einen selber betrafen. Was konnte ihm schon passieren? Er batte rund zweihundert Dollar in bar bei sich, die mußte er natürlich abschreiben. Hinterher würde es dann noch die zeitraubenden Scherereien mit der Protokollaufnahme bei der Polizei geben, das war alles.
    Cyrus runzelte die Augenbrauen. War es wirklich alles? Ihm fiel ein, daß der Gangster ,Doc‘ gesagt hatte. Das war beunruhigend. Es ließ vermuten, daß dem Überfall ein bestimmter Plan zugrunde lag.
    Sie gingen knapp fünfzig Yard weit. Als Cyrus sich an das Steuer seines 61er Bentley setzte, hatte er zum erstenmal Gelegenheit, den Gangster im Rückblickspiegel zu mustern. Der Bursche machte es sich im Wagenfond bequem. Er behielt eine Hand in der Tasche seines nougatbraunen Tweed-Sakkos und rutschte tief nach unten, als wollte er sich absichtlich klein machen.
    Cyrus schätzte das Alter des Mannes auf knapp fünfunddreißig. Der Gangster hatte die blasse, leicht gelblich getönte Haut eines Leberkranken. Sein Gesicht war schmal und scharfkantig. Die dünnen, fast blutleeren Lippen deuteten an, daß er frei von sentimentalen Gefühlen war. Er trug keinen Hut.
    Das graublonde Haar war kurz geschnitten. Alles in allem sah er nicht übel aus. Er hatte das Gesicht eines energischen, etwas nervösen Mannes, der Widerspruch haßte und dessen Humor genau dort endete, wo seine persönliche Eitelkeit verletzt werden konnte.
    »Schaukeln Sie ‘rüber nach Jersey«, befahl der Mann im Fond. »Benutzen Sie den Lincoln Tunnel.«
    Cyrus schob den Zündschlüssel in? Schloß. Er merkte, daß seine Angst sich mehr und mehr verflüchtigte. Vielleicht lag das daran, daß der Mann im Fond nicht wie ein Killer aussah.
    »Was, zum Teufel, haben Sie eigentlich vor?« fragte Cyrus.
    »Wir brauchen -einen Doc«, sagte der Mann spöttisch. »Das ist alles.«
    Cyrus holte tief Luft. Er glaubte zu verstehen. Vermutlich gehörte der Bursche einem Syndikat an. Möglicherweise war bei einer Schießerei ein Gangster verletzt worden, ein polizeilich gesuchter Gangster, der es sich nicht leisten konnte, einen x-beliebigen Arzt aufzusuchen. Cyrus startete die

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