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0371 - Der unheimliche Dschinn

0371 - Der unheimliche Dschinn

Titel: 0371 - Der unheimliche Dschinn
Autoren: Werner Kurt Giesa
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Khoutab sah, wie die Kugel die Waffe verließ und mit grausamer Langsamkeit auf ihn zuschwebte. Er wollte ausweichen und konnte es nicht. Er war wie gelähmt. Die Kugel, dieser kleine schwarze, sich vergrößernde Punkt vor dem Feuerblitz, senkte sich abwärts. Da lief die Zeit wieder normal. Die Kugel klatschte harmlos vor Khoutabs Füßen auf den Marmor. Im nächsten Moment weiteten sich Mussadeqs Augen vor Entsetzen. Eine unsichtbare Kraft packte ihn, schleuderte ihn, der hilflos mit den Armen ruderte und die Pistole
    fallen ließ, an Khoutab vorbei aus dem Fenster. Ein gellender Schrei riß zehn Meter tiefer jäh ab.
    Halef Khoutab zitterte. Er wußte, daß für ihn der Schrecken erst jetzt begann.
    Die Wachen stürmten in den Raum. Aber für sie blieb nichts mehr zu tun. Ein anderer war ihnen zuvorgekommen und hatte Khoutab geholfen. Und nur Halef Khoutab hörte das spöttische Lachen des Dschinns.
    Der Flaschengeist wußte, daß er sein Spiel nun doch noch gewonnen hatte…
    ***
    Khoutab starrte finster die Flasche an. Am liebsten hätte er sie zerstört. Aber damit hätte er auch nichts geändert. Im Gegenteil, er hätte den Flaschengeist nur endgültig freigesetzt.
    Die Flasche war dickbauchig, etwa unterarmgroß und über und über verziert. Früher war sie schlicht gewesen, aber der Dschinn hatte darauf bestanden, daß Khoutab sie verschönern ließ. Jetzt wurde sie von Goldornamenten geschmückt, und sie stand in einem Gitterkorb mit Tragegriff, dessen vielfach gewundene Drahtstäbe aus diamantstaubdurchsetztem Silber bestanden.
    Einen Korken gab es auch, aber er lag jetzt neben der Flasche. Halef Khoutab wußte, daß er es nicht mehr erleben würde, daß die Flasche geschlossen wurde.
    Vor ihm lümmelte sich der Dschinn in Khoutabs bequemsten Sessel.. Er grinste den Mann, dem er vorhin das Leben gerettet hatte, an, und rieb sich die Hände.
    »Du bist jetzt mein, Halef Khoutab«, sagte er. »Du weißt es. Siebenmal habe ich dir geholfen. Nun fährt deine Seele zur Dschehenna. Eine mehr auf meinem Konto, und der Scheitan wird erfreut sein. Bald schon gibt er mich frei. Noch eine Seele, und ich kann ruhen…« Wieder lachte er meckernd. Ein muskulöser Hüne in Pluderhose, Schnabelschuhen und Turban, mit spitz hervorstechender Adlernase und einem gewaltigen schwarzen Bart. Sein Lachen paßte eigentlich nicht zu seiner Erscheinung. Aber der Dschinn paßte auch nicht in die moderne Welt. Wer glaubte denn im zwanzigsten Jahrhundert noch an Flaschengeister?
    Halef Khoutab!
    Er mußte jetzt dran glauben, und er wußte es.
    »Ich habe nicht dich gerufen«, wehrte er sich. »Du hast das mißverstanden! Ich rief nach meinen Wachen, nicht nach dir! Wenn du dich angesprochen fühltest, ist das nicht meine Schuld und…«
    »… dennoch unabänderlich«, grinste der Dschinn. »Darf ich dich an die Reihenfolge deiner Worte erinnern: Hilfe - Wachen! Den ersten Ruf, das ›Hilfe‹, bezog ich auf mich. Hättest du erst nach den Wachen und dann um Hilfe gerufen, gut. So aber bist du nun mein.«
    »Das sind doch Haarspaltereien!« schrie Khoutab. »Bei…«
    Etwas verschloß ihm den Mund, und er erschrak. Er war nicht mehr in der Lage, den Namen Allahs auszusprechen! Der Dschinn hatte ihn endgültig in seinen Klauen!
    Es hatte keinen Sinn mehr, zu kämpfen. Er wünschte sich, seinerzeit die Flasche nie geöffnet und den Pakt abgeschlossen zu haben. Aber es hatte doch alles so einfach ausgesehen…
    Bettelarm war er gewesen, ein in der Wüste ausgesetzter, elternloser Junge. Halbverhungert, halbverdurstet, hatte er im Sand die Flasche gefunden. Wasser! Er hatte sie geöffnet.
    Aber kein Wasser kam heraus, sondern nur ein Dschinn.
    »Nur ein Dschinn?« hatte der Flaschengeist lachend gefragt. »Was heißt, nur? Ich kann dir so viel Wasser beschaffen, daß die ganze Wüste zum Boden eines weltweiten Meeres wird! Aber ich muß dich warnen!«
    »Wovor?« keuchte der Junge, der kaum glauben konnte, was er sah. Die Märchenerzähler redeten zwar von Geistern und Dämonen, aber er hatte sich niemals vorstellen können, selbst einem solchen Dschinn zu begegnen.
    »Wer meine Dienste beansprucht, muß wissen, daß er einen festen Pakt eingeht. Ich werde ihm siebenmal dienen und keinem anderen in dieser Zeit. Siebenmal. Merke es dir gut, Halef Khoutab.«
    »Siebenmal?«
    »Ja, Halef Khoutab. Der Pakt verpflichtet mich dazu. Doch nach dem siebten Mal gehört deine Seele mir, und ich schicke sie in die Dschehenna, die Hölle!«
    Halef

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