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0156 - König der Druiden

0156 - König der Druiden

Titel: 0156 - König der Druiden
Autoren: Werner Kurt Giesa
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Die Wolkenbänke schoben sich wieder vor die Mondscheibe. Das seltsame Wesen verschmolz wieder mit der Umgebung. Lautlos bewegte es sich vorwärts.
    Es war nicht allein.
    Hätte es einen Menschen gegeben, der um diese Stunde an diesem Ort war, er wäre vor Entsetzen gestarrt. Fünf, sieben - zwölf, dreizehn dieser unheimlichen Schattenwesen geisterten durch den nächtlichen Wald.
    Doch es gab einen solchen Beobachter nicht. Denn dieser Ort war verwunschen. Bei Nacht traute sich niemand hierher. Die Schatten waren ungestört.
    Das schrille Singen kam näher. Ein gigantisches Gebilde schob sich hinter den dreizehn Unheimlichen her. Es war, als gleite es einfach durch die Bäume hindurch; sie blieben unbeschädigt.
    Aber auch die Schattenhaften waren nicht allein. Es gab noch jemanden hier, der sich geschickt zu tarnen vermochte. Seine scharfen Augen durchdrangen die Dunkelheit, als sei es Tag. Als er kurz zum Himmel emporsah und durch die Wolkendecke hindurch den nördlichen Sternenhimmel dieser Welt erkannte, suchte er vergeblich nach seinem Stern, bis ihm einfiel, daß es den in diesem Raum-Zeitgefüge und in dieser Zeit nicht mehr gab.
    Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Schatten zu. Sein Gesicht verdüsterte sich, als er erkannte, wohin sie sich zielbewußt bewegten. Es gab nur eine Möglichkeit - und die zwang ihn zum Eingreifen.
    »Sie wollen nach Caermardhin…«, flüsterte er.
    Aber tat es in einer Sprache, die niemals auf der Erde geboren worden war.
    ***
    Mister Gryf zeigte sich von seiner Gurkenseite und machte auf sauer. Anders konnte er das Girl nicht mehr abwimmeln, das es sich anscheinend in den Kopf gesetzt hatte, ihn heute nacht noch zu vernaschen. Bloß war Gryf ausnahmsweise nicht danach zumute. Er hatte Wichtigeres vor als einem Girl zu zeigen, wie schön walisische Nächte sein konnten, wenn man den richtigen Partner hatte.
    In dieser Nacht war Gryf nicht der richtige Partner.
    »Mister Gryf…«
    »Verdammt«, schnauzte Mister Gryf, »laß mich endlich in Ruhe mein Cwrw saufen und zisch ab! Du machst es schon fast professionell!«
    Als die Ohrfeige kam, die seinem jugendlich wirkenden Gesicht eine frische Röte verlieh, atmete er erleichtert auf. Das Girl rauschte endlich beleidigt ab.
    Verdammter Mist, dachte Gryf, der aussah wie kurz vor Erreichen der Dreißig oder jünger. Das Mädchen gefiel ihm außerordentlich gut, aber heute war wirklich nicht die richtige Zeit, weil er sich auf etwas anderes zu konzentrieren hatte. Ein paar Tage früher oder später… mit leichtem Bedauern sah er hinter dem Prachtmädel mit den sinnverwirrenden Kurven her, aber der Zug war jetzt nach seiner Bemerkung wohl doch abgefahren. Gryf war kein Kostverächter, verstand aber, die Dinge nach Wichtigkeit zu ordnen.
    Er strich sich durch das strohblonde Haar. Grüne Augen glommen in einem seltsamen Licht. Er setzte das Glas an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck. Das Gwrw rann wie Wasser über seine Zunge. »Noch mal dasselbe, Pyter«, verlangte er und schob dem Bartender das leere Gefäß zu.
    Pyter, schon so etwas wie eine Institution im Dorf, verzog das Gesicht.
    »Gryf, solltest du nicht langsam besoffen werden?«
    »Verdammt«, knurrte Gryf. »Zahle ich dir etwa nicht gut genug? Besoffen wirst du mich nie erleben, und wenn ich ein ganzes Faß leermache! Laß mal die Luft raus!«
    Pyter zapfte. Der goldgelbe Gerstensaft rann in das Glas und schäumte auf. Währenddessen lauschte Gryf in sich hinein und forschte nach dem Verbleib des Langzahnigen, den er seit ein paar Tagen hetzte und heute endgültig zu erwischen hoffte. Aber noch rührte sich nichts.
    Gryf sah auf die Uhr. Der Zeiger marschierte zielbewußt auf die Zwölf zu. Dann brach die Geisterstunde an, und dann mußte der Langzahn aus seiner Apfelsinenkiste kriechen.
    Gryf streckte die Hand aus und nahm Pyter das Glas aus der Hand. Wortlos schluckte er und der Bartender konnte nur noch mit den Ohren schlackern, daß der Parapsychologe, der von der Insel Mona stammte, welche die Engländer Anglesey nannten, immer noch nicht von links nach schräg schielte. »Sag mal, braust du dein Cwrw eigentlich selbst, daß es so gut schmeckt?« fragte Gryf, sprach das walisische Wort wie »Kuru« aus, und wischte sich mit dem Ärmel seiner Jeans jacke den Bierschaum vom Mund. »Verschwendung«, murmelteer dann im Selbstgespräch. »Ich hätte die Zunge nehmen sollen, verflixt…«
    Gryf war alles andere als ein Säufer. Abhängig war er weder von

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