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0134 - Das Grauen kam aus Grönland

0134 - Das Grauen kam aus Grönland

Titel: 0134 - Das Grauen kam aus Grönland
Autoren: Friedrich Tenkrat
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Draußen war es bitterkalt. Der Wind heulte und orgelte unheimlich, riß lange Schneefahnen hoch und trug sie weit über das weiße Eis.
    Wie schwarzer Samt sah der Himmel aus. Jemand schien achtlos Milliarden von Diamanten darüber gestreut zu haben.
    Drinnen bullerte der Ofen. Es war angenehm warm. Barry McQuest war mit einem Kreuzworträtsel beschäftigt, während sein Freund und Kollege Cary Lockhart sich am Anblick schöner nackter Mädchen ergötzte, die in einem scharfen Herrenmagazin abgebildet waren.
    »He!« kicherte er und hob das Magazin zum drittenmal hoch.
    »Wie gefällt dir die?«
    »Fragst du mich jetzt bei jeder Mieze?« schimpfte McQuest ärgerlich.
    »Die sind doch allesamt schöner als dein dämliches Rätselheft.«
    »Alles zu seiner Zeit. Außerdem gibt es mir nichts, wenn ich die Girls nur im Magazin sehe, aber keines davon haben kann.«
    »Vielleicht läuft dir mal eine von ihnen über den Weg.«
    »Träumer«, sagte McQuest. »An diese Bienen kommt unsereiner doch nicht ran. Bei denen brauchst du eine Brieftasche, so dick wie ein Telefonbuch. Darf ich mich jetzt wieder meinem Rätsel widmen, oder hast du mir noch etwas zu zeigen?«
    »Du kriegst von mir überhaupt nichts mehr zu sehen«, brummte Lockhart.
    »Fein.«
    Lockhart blätterte weiter und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Seine Augen glänzten vor Begierde. Aber er störte McQuest nicht mehr bei seinem Denksport.
    Er sagte zu ihm nicht einmal etwas, als draußen die Schlittenhunde unruhig wurden. Sie winselten und kläfften. Sie jaulten und bellten. Lockhart legte das Magazin beiseite und erhob sich. Er biß sich auf die Unterlippe. Die Hunde steckten ihn mit ihrer Unruhe an.
    Cary Lockhart war bullig, bärtig und blond. Er war Meteorologe wie Barry McQuest und arbeitete mit diesem und drei weiteren Kollegen auf dieser Wetterstation im ewigen Eis Grönlands.
    McQuest hob den Kopf. »Was haben denn die Hunde?«
    »Ach, fällt es dir auch schon auf?« höhnte Lockhart. Er begab sich zum Fenster und blickte nach draußen. Die Nacht war hell. Soweit das Auge reichte, war nichts als Eis zu sehen. Manchmal empfand Lockhart das als deprimierend. Die Mannschaft wurde nur alle sechs Monate ausgewechselt.
    Sechs Monate Kälte.
    Sechs Monate Eis und Schnee. Davon kann man den Kanal ganz schön vollkriegen.
    »Siehst du irgend etwas?« erkundigte sich McQuest.
    »Nicht das geringste. Alles ist so wie immer. Trostlos.«
    McQuest legte seinen Bleistift weg. Er stand gleichfalls auf und stampfte mit seinen schweren Stiefeln durch die Hütte. Er war größer als Lockhart. Sein Gesicht war kantig, und er verfügte über Bärenkräfte, was man ihm nicht ansah, denn er war schlank, beinahe drahtig.
    »Sonderbar«, murmelte Cary Lockhart. »Ich habe auf einmal so ein mieses Gefühl im Bauch.«
    »Vielleicht mußt du auf den Topf.«
    »Blödmann. Irgend etwas stimmt da draußen nicht.«
    »Willst du nachsehen?«
    »Allein?«
    »Wenn du möchtest, geh’ ich mit.«
    Lockhart überlegte kurz und winkte dann ab. »Ach was. Vielleicht beruhigen sich die Hunde von selbst wieder. Ich mag nicht in die kalte Nacht hinausgehen. Habe wirklich kein Verlangen danach, mir den verdammten Eiswind um die Nase wehen zu lassen.«
    McQuest ergriff eine verchromte Thermoskanne und goß sich heißen Kaffee ein. Er trank nachdenklich. Die Hunde wollten sich nicht beruhigen. Im Gegenteil. Sie regten sich immer mehr auf.
    Aber sie bellten nicht aggressiv, sondern sie gaben klagende Laute von sich, so, als hätten sie furchtbare Angst.
    »Also, das gefällt mir nicht«, sagte McQuest und stellte die halbvolle Tasse auf den Tisch. Er holte seine ziegelrote Daunenjacke, die noch dazu mit einem dicken braunen Fell gefüttert war, und zog sie an.
    »Ich komme mit«, sagte Lockhart und kleidete sich ebenfalls an.
    McQuest zog sich eine blaue Wollhaube über den Kopf und stieß seine Hände in warme Lederhandschuhe. Dann entnahm er der Kommodenlade einen schweren Revolver.
    Als er ihn in die Tasche steckte, weiteten sich Lockharts Augen.
    »Was hast du vor?«
    »Ich will nach dem Rechten sehen.«
    »Gleich mit ‘ner Kanone? Das ist doch nicht nötig. In dieser eisigen Einsamkeit gibt es niemanden außer uns fünf Verrückten.«
    »Und wer regt die Hunde auf?«
    »Keine Ahnung. Vielleicht wittern sie einen Wolf. Oder einen Bären. Möglicherweise spüren sie, daß es ein Erdbeben geben wird.«
    McQuest klopfte auf die Tasche, in die er den Revolver hatte gleiten lassen. »Ich

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