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0048 - Ausflug ins Jenseits

0048 - Ausflug ins Jenseits

Titel: 0048 - Ausflug ins Jenseits
Autoren: Walter Appel
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Juni 1977. Eine Nacht im Hochmoor von Nordschottland. Ein einsamer Mann wanderte auf den verrufenen See zu, zehn Kilometer von dem kleinen Bauernnest Strathhonnsaire entfernt. Grillen zirpten, er hörte Tierstimmen im Wald.
    Doch je mehr er sich dem See näherte, desto stiller wurde es. Die Einheimischen der umliegenden Dörfer mieden den See, besonders bei Nacht. Schlimme Gerüchte waren im Umlauf, die Geschichten aus alter Zeit noch nicht vergessen.
    Doch der Wanderer hatte keine Angst. Der Keim des Bösen steckte ihm im Blut. Ihm war es, als kehre er heim, als nähere er sich dem Ziel, das er sein ganzes Leben lang schon suchte.
    Es war kein junger Mann mehr. Er näherte sich den Sechzigern, ein bewegtes Leben mit vielen Niederlagen und Enttäuschungen hatte tiefe Linien in sein Gesicht gegraben. Sein Haar war grau. Er maß fast einsneunzig, doch er erschien kleiner, da er sich gebückt hielt, so als drückte die Last des Lebens ihn nieder.
    Zehn Jahre hatte er im Zuchthaus gesessen und auch sonst noch so einiges hinter sich gebracht. Er trug einen Maßanzug, für den der Schneider noch immer auf sein Geld wartete, Hemd und Krawatte. Trotzdem wirkte er keineswegs elegant, denn der Anzug war zerknittert und wies einige Schmutzflecke auf. Das Hemd war schmutzig, und die Krawatte hing auf halbmast.
    Thomas Argyll, so hieß der Wanderer, schwitzte in der schwülen Sommernacht.
    »Wenn es hier nicht klappt, erschieße ich mich besser gleich«, brummte Argyll. »Ich bin bankrott, New Scotland Yard sucht mich wegen Betrugs, zwei Geldwucherer wollen mich umbringen lassen, weil ich meine immensen Schulden bei ihnen nicht zahlen kann. Jetzt will ich doch mal sehen, ob an den alten Überlieferungen etwas Wahres dran ist.«
    Er schritt weiter.
    »In meinen Adern fließt das schwarze Blut der Argylls. Das ist mein letzter Versuch, der allerletzte Strohhalm, nach dem ich greifen kann. Vielleicht hätte ich schon früher herkommen sollen. Aber ich war immer zu skeptisch, und ich glaubte auch, ich wäre von mir aus schon schlecht genug und brauchte keine bösen Mächte.«
    Er lachte heiser. Das bleiche Licht des Vollmonds zeigte ihm den See, als er zwischen Wald und Hügel hervorkam. Mattschwarz schimmerte die Seeoberfläche, merkwürdigerweise spiegelte der Mond sich nicht daran. Dunst schwebte über dem Wasser von Loch Argyll.
    Nur wenige dürre Büsche wuchsen am Ufer, die Umgebung war steinig. Keine Tierstimme ertönte, und kein Frosch quakte am See.
    Im Hintergrund aber, auf einem Hügel, zwei Meilen entfernt, ragten die Ruinen von Argyll Castle auf. Nur ein Wehrturm stand noch, schwarz hob er sich gegen den gestirnten Himmel ab.
    Thomas Argylls Herz schlug rascher.
    »Schloss meiner Väter!« rief er. »Ich grüße dich.«
    Im Laufschritt eilte er zum Seeufer hinunter und fiel auf die Knie. Spitze Steine stachen ihn, er spürte es kaum. Eine Wolke trieb vor den Mond, und Finsternis flutete über das Land, so als verberge der Nachttrabant sein Gesicht.
    Thomas Argyll schöpfte das schwarze Wasser des verfluchten Sees. Er trank mit schlürfenden Geräuschen, warf sich mit den hohlen Händen Wasser ins Gesicht und goss welches über seinen grauen Kopf, als wolle er sich taufen.
    »Wasser des Bösen!« flüsterte er. »Stärke mich, gib mir das, was mir noch fehlt! Herrin Asmodara, Schwarze Lady, hört mich, erhört mich!« Er erhob sich und reckte die Arme gen Himmel. »Hier steht ein Argyll, der sich dem Bösen verschreibt! Der die dämonischen Mächte anruft und ein Teil von ihnen werden will!«
    In der Mitte des Sees stiegen Blasen auf und zerplatzten dumpf. Der grauhaarige Mann bebte. Das Wasser bewegte sich, etwas spielte sich an seinem Grund ab. Wellen liefen das Ufer hinauf und nässten Thomas Argylls Füße.
    Seine Augen waren geschlossen, die Gesichtszüge verkrampft.
    »Ich komme!« stieß er hervor. »Herrin Asmodara, Duchess of Argyll, ihr ruft mich! Ich komme!«
    Ohne zu zögern, begann er ins Wasser zu waten. Es wogte wie vom Sturm gepeitscht, obwohl sich kein Lüftchen regte. Ein düsterer Schimmer glomm am Grund des Sees auf.
    Thomas Argyll watete immer tiefer in den See hinaus. Bald schlugen ihm die Wellen ins Gesicht und über seinem Kopf zusammen. Dann ragten nur noch seine emporgereckten Hände heraus, auch sie versanken.
    Thomas Argyll war am Ziel.
    ***
    Gegenwart, Herbst.
    Das Reisebüro lag in der Little Chester Street im Londoner Stadtteil Belgravia, gleich neben dem Postamt. Es war ein kleiner Laden

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