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0027 - Wir fingen den roten Delphin

0027 - Wir fingen den roten Delphin

Titel: 0027 - Wir fingen den roten Delphin
Autoren: Wir fingen den roten Delphin
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»Stick them up!« sagte Phil mit freundlichem Lächeln. Manche Schriftsteller übersetzen das vornehm mit »Hände hoch!«, aber wörtlich heißt es: Streck sie hinauf - zur Decke nämlich, und zwar die Hände.
    Normale Leute, die nicht lebensmüde sind, kommen solchen Aufforderungen nach. Sie heben die Hände in Anbetracht der Tatsache, daß zwei Dienstrevolver unangenehm auf ihre Magengegend zeigen. Der Bursche aber, den wir abholen sollten, war entweder lebensmüde - oder er war durch nichts mehr zu erschüttern.
    Kan Raxter, aus dem Zuchthaus ausgebrochener Berufsverbrecher und wegen Raubmordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt, richtete sich langsam auf dem Bett auf, wo er gelegen hatte, als wir ihm plötzlich die Tür eintraten.
    Seine Augenlider hatten sich zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Das stumpfe Gesicht wirkte brutal und dumm. Trotzdem war uns beiden auf den ersten Blick klar, daß wir es mit einem gefährlichen Burschen zu tun hatten. Ich machte mich auf allerhand gefaßt. Lebenslängliche haben nicht viel zu verlieren. Deswegen können sie rücksichtslos sein.
    Aber es gehört zu unseren Dienstvorschriften, alle Leute zur Vernunft zu mahnen, auch wenn sie vielleicht gar keine haben. Ich sagte also leise:
    »Kan, gib’s auf. Du siehst, wir sind zwei.«
    Er hockte jetzt in seiner massigen Gorillagestalt auf der Bettkante und ließ die Hände schlaff zwischen seinen Beinen herabbaumeln.
    »Als ich ausbrach, mußte ich mit drei Wärtern fertig werden. Ihr seht ja, daß ich sie geschafft habe. Sonst säße ich doch wohl nicht hier im Hotel, nicht?«
    »Stimmt«, gab ich zu. »Mit drei Wärtern bist du fertig geworden, weil du Glück hattest. Heute wirst du keins haben.«
    »Kommt drauf an«, brummte er gedehnt.
    Ich wollte ihm von vornherein klarmachen, gegen wen er zu kämpfen hatte, wenn er es wirklich riskierte, sich mit uns anzulegen. Deshalb legte ich meinen 38er weg und sagte:
    »Ich bin Jerry Cotton vom FBI. Das ist Phil Decker. Wenn du meinst, du könntest uns genauso totschlagen wie einen von den Wärtern, dann versuch’s! Der Wärter, den du ermordet hast, hinterläßt übrigens eine Frau und drei Kinder. Du kannst dir nicht vorstellen, wie dieses Gefühl mich reizt, mit dir anzufangen. Trotzdem muß ich dir nach unseren Dienstvorschriften sagen, daß du vernünftig sein sollst. Laß dir die Handschellen anlegen und komm!«
    Er stand langsam auf. In seinem Gehirn arbeitete es. Ich war gespannt, aber ich glaubte nicht, daß er sich im Guten fügen würde.
    »Seid vernünftig, G-men«, brachte er nach einer Weile hervor. »Ich könnte euch fertigmachen, aber warum sollte ich es? Seid vernünftig, und laßt mich laufen! Ich verspreche euch, daß ich mich aus New York schnellstens verdrücke. Dann können sich andere mit mir rumärgern. Warum wollt ihr unbedingt, daß ich euch totschlage?«
    »Wir wollen, daß du mitkommst«, sagte ich noch einmal und zog langsam die Finger zu Fäusten zusammen. »Wenn nicht freiwillig, dann werden wir dich eben dazu zwingen…«
    Weiter kam ich nicht. Kan Raxter, der mehrfache Mörder, sprang vor wie ein Panther. Aber ich hatte es erwartet und empfing ihn entsprechend.
    Well, ersparen Sie mir die nächste Viertelstunde! Kan war kräftig wie ein Gorilla, aber er war nicht intelligent genug, seine Kräfte richtig auszuwerten. Trotzdem hatten wir allerhand zu tun, bis er auf dem Teppich lag und nicht mehr konnte.
    »Du blutest an der Lippe«, sagte Phil keuchend.
    »Und du an der Schläfe«, stieß ich atemlos hervor.
    Dann grinsten wir beide. Das war hart auf hart gegangen. Aber unser Beruf ist nun einmal so.
    Wir warteten eine Weile, bis Kan Raxter wieder halbwegs ins Bewußtsein zurückgekehrt war. Dann legten wir ihm die Handschellen an und nahmen ihn in die Mitte. Er stöhnte nicht, aber er hatte sichtlich Schmerzen. Mir tat er nicht eine Sekunde leid. Er hatte einen unschuldigen Bürger wegen 60 Dollar ermordet. Bei seinem Ausbruch hatte er den Vater von drei Kindern totgeschlagen.
    Eine Dreiviertelstunde später saß er wieder hinter Gittern. Diesmal für den kurzen Rest seines Lebens; denn nach neun Wochen wurde er bereits hingerichtet.
    Wir kehrten ins FBI-Gebäude zurück. Unser Doc verpflasterte Hautrisse und Schrammen, pinselte Jod auf die offenen Wunden und ließ uns einen kräftigen Schluck aus der Flasche nehmen. Danach fühlten wir uns besser.
    Wir machten uns auf den Weg durch unser Dienstgebäude, um Mr. High, unserem Districtchef, zu

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